
Eine der deutlichsten bereits nachgewiesenen Folgen überbordender Handynutzung ist Lindberg zufolge Schlafmangel, der bei Kindern sowohl kurzfristige Folgen etwa für die Lernfähigkeit als auch langfristige für die Hirnreifung habe.
Im Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell sozialer Medien, Nutzer möglichst lange im System zu halten, werde auch die sogenannte Displacement-Hypothese diskutiert, erklärt Montag, der derzeit an der Universität von Macau lehrt. „Die Logik dahinter lautet, dass die verbrachte Zeit auf den sozialen Medien weg ist für andere wichtigere entwicklungspsychologische Aufgaben.“
Lindberg spricht von einem „weltweiten Sozialexperiment unvergleichlichen Ausmaßes“. Ein Experiment, das sich womöglich auf die künftige Zahl an Patenten und nobelpreiswürdigen Ideen, auf den Erfindergeist in allen möglichen Lebenslagen und auf die Kunst auswirkt.
Zugrunde liegt unter anderem ein durch soziale Medien aussterbendes Gefühl: die Langeweile. Sie mag nerven, macht aber kreativ, wie viele Eltern wissen: Wenn der Knirps über schreckliche Langeweile klagt, hat er Minuten später oft grandiose Spielideen. Studien zeigen Montag zufolge, dass Gedankenwandern eine Voraussetzung für Kreativität ist. „Wenn ich in jeder freien Minute von meinem Smartphone absorbiert werde, ist es schwer, in einen reflexiven Modus zu kommen.“
Einem an das ständige Geblinke sozialer Medien gewöhnten Gehirn kann es auch viel schwerer fallen, sich ausdauernd etwa dem Lesen eines Textes zu widmen. Das Smartphone mit all seinen Verlockungen verkürze zwar die theoretisch mögliche persönliche Konzentrationszeit nicht, erschwere es aber, die Konzentration tatsächlich zu halten, erklärt Lankau. Das birgt die Gefahr, schlechter lernen zu können.
Statistiken weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und dem Bildungserfolg hin. Eine längere Nutzungszeit sozialer Medien sei demnach mit schlechteren Noten verbunden, sagt Montag. „Zudem gibt es durchaus Evidenz, dass Smartphone-Verbote in Bildungseinrichtungen zu verbesserten Noten führen können.“
Der Datenanalyst John Burn-Murdoch hat für die „Financial Times“ Mittelwerte von Langzeitstudien internationaler Organisationen wie der OECD ausgewertet. Demnach sinken die Denk- und Problemlösefähigkeiten von Teenagern im Lesen, Rechnen und bei naturwissenschaftlichen Aufgabenstellungen seit etwa 2010.