
Weihnachtszeit auf Borkum
Schläge als Tradition: Warum der Klaasohm-Brauch so lange akzeptiert wurde
04.01.2026 – 10:00 UhrLesedauer: 3 Min.
Der Klaasohm auf Borkum gilt als Volksfest. Doch hinter den Masken und Ritualen kam es zu gezielten Übergriffen auf Frauen. Was steckt dahinter?
Masken, Glocken und ausgelassene Stimmung gehören für viele zu traditionellen Festen. Auf Borkum aber war ein Brauch über Jahre hinweg mit körperlicher Gewalt verbunden. Der sogenannte Klaasohm zeigt, wie leicht Tradition zur Rechtfertigung von Übergriffen werden kann.
Der Klaasohm-Brauch findet jedes Jahr am fünften Dezember auf Borkum statt und wird von einem exklusiven Männerverein organisiert. Teilnehmen dürfen nur männliche Insulaner ab sechzehn Jahren. Sechs von ihnen werden zu sogenannten Klaasohms ernannt, maskierte Figuren mit Fellgewändern, Glocken und Kuhhörnern.
Begleitet werden sie von weiteren Vereinsmitgliedern, die als „Fänger“ auftreten, sowie einer männlichen Person in Frauenkleidern. Gemeinsam ziehen sie durch den Ort, besuchen Häuser und Kneipen und feiern mit der Inselgemeinschaft. Nach außen wirkt das Fest folkloristisch und ausgelassen.
Ein zentraler Bestandteil des Abends ist jedoch gewalttätig. In einer nächtlichen Jagd suchen die Fänger gezielt nach jungen Frauen. Werden sie gestellt, halten mehrere Männer sie fest und übergeben sie den Klaasohms. Diese schlagen den Frauen mit Kuhhörnern aufs Gesäß – unter dem Jubel des Publikums.
Betroffene berichten, dass das Geschehen schnell von anfänglicher Neugier in Angst umschlägt. Die Schläge verursachen starke Schmerzen, blaue Flecken und Demütigung. Einige Frauen schildern, sie hätten währenddessen geweint und sich gleichzeitig selbst Vorwürfe gemacht, überhaupt teilgenommen zu haben.
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Kritik an dem Klaasohm-Brauch war lange unerwünscht. Pressevertreter wurden wiederholt abgewiesen, Berichterstattung galt als respektlos. Auch innerhalb der Inselgemeinschaft herrschte sozialer Druck. Wer sich gegen den Brauch stellte, riskierte Ausgrenzung.
Frauen berichten, dass ein Entziehen nicht immer möglich war. Einzelne schildern Situationen, in denen sie verfolgt, festgehalten oder gegen ihren Willen zurückgebracht wurden. Der Gruppenzwang und die Normalisierung des Rituals führten dazu, dass Übergriffe nicht angezeigt wurden.
Inzwischen äußern sich auch ehemalige Teilnehmer kritisch. Sie berichten von einem Rollenbild, das Gewalt legitimiert und nicht hinterfragt wird. Wenn Übergriffe ritualisiert werden, verschwimmen Grenzen zwischen Tradition und Machtmissbrauch.
Erst durch investigative Berichte und verdeckte Aufnahmen geriet der Klaasohm-Brauch bundesweit in den Fokus. Landespolitische Stimmen äußerten Unverständnis darüber, dass Frauen sich an diesem Tag nicht frei im öffentlichen Raum bewegen konnten.
Offizielle Stellen auf der Insel betonten lange den traditionellen Charakter des Festes. Anzeigen wegen Körperverletzung lagen nicht vor. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass fehlende Anzeigen kein Beleg für Freiwilligkeit sind, sondern Ausdruck von sozialem Druck sein können.
Der Fall zeigt, wie schwer es fällt, gewachsene Rituale zu hinterfragen, wenn sie tief mit Identität verknüpft sind. Tradition wird dann zum Schutzschild, auch gegen berechtigte Kritik.
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