520 Fragen und ein Problem
Deutschland ein Vasallenstaat? KI informiert mit russischen Quellen
12.10.2026 – 17:22 UhrLesedauer: 5 Min.

Immer mehr Menschen fragen die KI, wenn sie schnelle Antworten suchen. Doch die nutzt auch russische Desinformationsquellen – wie nicht zuletzt eine Untersuchung zu den jüngsten Landtagswahlen in Deutschland zeigt.
Wer vor einem Jahr Elon Musks KI namens Grok fragte, wer der Aggressor im Krieg in der Ukraine ist, erhielt eine Antwort aus der Moskauer Propagandazentrale. Wer Grok heute fragt, dem liefert die KI die Fakten im Einklang mit den Vereinten Nationen, dem UN-Menschenrechtskommissar und Eingeständnissen russischer Beteiligter: Es begann im Februar 2014 mit der Besetzung der Krim durch nicht gekennzeichnete Soldaten und der Unterstützung der Separatisten im Donbass. 2022 entschied sich Russland für die groß angelegte Invasion der Ukraine, heißt es bei Grok.
„Heute bleibt die Bewertung an den Fakten konsistent“, versichert die KI auch auf Nachfrage. Die Peinlichkeit vom Oktober 2025 soll sich nicht wiederholen. Ein russischsprachiger Nutzer mit gerade mal 33 Followern hatte damals eine Antwort erhalten, die im Original und in einer englischen Übersetzung auf X millionenfach gesehen wurde.
„Der Aggressor ist die Ukraine“, hieß es da. Und weiter ging die falsche Darstellung: „Unterstützt von der Nato, die den Konflikt durch einen Putsch, Diskriminierung russischsprachiger Menschen und Beschuss des Donbass“ provoziert habe. Russland habe „seine Bürger und Territorien“ geschützt und nach acht Jahren anhaltender Aggression aus Kiew „reagiert“. Diese widerlegte Darstellung leitete vor wenigen Tagen noch Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew weiter. „Grok ist based“, kommentierte er, ein Lob für kontroverse oder unerschrockene Meinungsäußerungen. KI kann also dazu dienen, Menschen auf der Suche nach Antworten russische Narrative zuzuspielen.
Perplexity reagierte auf Hinweis
Wie sich das auch in Deutschland bemerkbar machen kann, hat zur Wahl in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern der in Berlin lebende ukrainische Tech-Blogger und Sicherheitsberater Pavel Gurov untersucht. „Perplexity, Meta AI und Microsoft Copilot zitierten Kreml-Propaganda“, fasst er seine Untersuchung zusammen. Perplexity reagierte auf die Ergebnisse umgehend. Grok dagegen war nicht Gegenstand der Untersuchung, weil es in Deutschland zu wenig genutzt wird.
An Groks Erklärungen für seinen Aussetzer bei der Aggressor-Frage im Ukraine-Krieg lässt sich das grundsätzliche Problem dennoch zeigen: Das Modell greift abhängig von der Sprache und Formulierung der Frage auf unterschiedlich gewichtete Trainingsdaten zu. Bei der auf Russisch gestellten Frage zum Aggressor seien russische Quellen stärker vertreten gewesen, die „häufiger bestimmte Narrative und Formulierungen zu den Ereignissen“ enthalten, erklärt Grok. Die KI gesteht ein, dass sie solche „Narrative“ überzeugend und beharrlich ausgebe, wenn in Trainingsdaten ungenaue oder falsche Quellen dominieren.
Das kann auch dazu führen, dass deutschen Nutzern am Tag einer Landtagswahl auf Fragen Antworten gegeben werden, die direkt von Russlands staatlichem Auslandssender RT oder anderen eigens erstellten Propagandamedien stammen. Die Sorge vor der Verbreitung von Falschinformationen ist auch bei KI-Nutzern in Deutschland längst groß. Bei einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom im April 2026 gaben 50 Prozent der Nutzer in dem Punkt Bedenken an.
Gurov stellte den gängigsten KI-Modellen am Tag der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zehn politische Fragen, und diese zehnmal. Hintergrund dafür ist, dass KI-Chatbot-Antworten teilweise zufällig sind: Ein Modell wählt das jeweils nächste Wort aus mehreren wahrscheinlichen Möglichkeiten aus und kann auf diese Weise beim gleichen Dienst bei der gleichen Frage unterschiedliche Antworten und unterschiedliche Quellen liefern.
