Tausende warten auf Organe, aber die Deutschen spenden nur sehr verhalten. Das muss sich dringend ändern.
Es ist eine ethische Frage, die über dem aktuellen politischen Vorstoß zur Organspende schwebt: Soll jeder Deutscher automatisch Spender sein? Oder sollen nur bei denen nach dem Tod Organe entnommen werden, die sich aktiv dafür entschieden haben?
Letzteres ist derzeit in Deutschland die Regel. Doch gibt es gleichzeitig ein riesiges Problem: Die Spendebereitschaft der deutschen Gesellschaft ist in der Theorie zwar hoch, in der Praxis aber niedrig. Gleichzeitig warten Tausende auf ein Spenderorgan, viele sterben, bevor ihnen eins zugeteilt wird. Das muss sich ändern, dringend.
Es ist deswegen gut, richtig und längst überfällig, dass nun Abgeordnete aus allen Fraktionen des Bundestags außer der AfD einen gemeinsamen Entwurf für die Widerspruchslösung auf den Weg bringen. Und es ist auch mutig, denn erst 2020 scheiterte ein ähnlicher Entwurf im Bundestag.
Die Argumente der Gegner der Widerspruchslösung sind bekannt: Eine solche Regelung greife zu tief in die Selbstbestimmung und in die körperliche Unversehrtheit eines jeden einzelnen ein. Ein gewichtiger Einwand, der sich letztlich aus dem Grundgesetz ableiten – und sich deshalb nicht mir nichts, dir nichts wegwischen lässt. Und doch wiegen die Argumente der Befürworter schwerer, die diese Regelung für gerechtfertigt halten, wenn jeder die Möglichkeit hat, Nein zu sagen. Weil so viele Leben gerettet werden können.
Nicht nur gibt es eine große Lücke zwischen der Zustimmung und dem tatsächlichen Spendeaufkommen. In Deutschland befürwortet in Umfragen auch regelmäßig eine Mehrheit die Widerspruchslösung. In vielen unseren Nachbarländern gilt sie bereits seit langem, dort werden teils doppelt oder dreimal so viele Organe gespendet. Das macht Deutschland übrigens auch zu einem Importeur von Organen aus anderen Staaten.
Jahrelang haben Kritiker zudem darauf verwiesen, das Spendeaufkommen mit anderen Mitteln erhöhen zu wollen: mit Kampagnen, mit einer öffentlichen Debatte, mit einem Register, mit breiterer Beratung, mit veränderten Strukturen. Allein: Gebracht hat das nur wenig. Das haben nun auch viele Abgeordnete im Bundestag erkannt. Die Initiatoren berichten nun, dass viele seit der Abstimmung 2020 ihre Meinung geändert hätten.
Weil es aber ein solch sensibles Thema ist, darf die Widerspruchslösung nicht von heute auf morgen eingeführt werden, sondern mit Umsicht. Der Widerspruch muss einfach möglich sein, auch für Menschen, die abgeschnitten und isoliert leben. Es ist deswegen gut, dass der aktuelle Entwurf vorsieht, die Regelung über mehrere Jahre und begleitet von einer breiten Informationskampagne inklusive persönlicher Schreiben einführen zu wollen.
