Sie beschreiben im Buch eine interessante Umkehrung der Rollen innerhalb der Familie.

Diese Familienaufstellung, wie man es heute in der Psychologie nennt, ist bemerkenswert. In diesem Moment, in dem dieser Vater strauchelt, unsicher ist, entsetzt darüber ist, was mit Deutschland geschieht, werden seine ältesten Kinder plötzlich stark. Eigentlich waren Erika und Klaus als Bohemiens verschrien, den Drogen nicht abgeneigt, überaus feierfreudig, aber dann avancierten sie plötzlich zu entschiedenen politischen Aktivisten. Vergessen wir auch Golo Mann nicht, der wirkliche Heldentaten vollbracht hat: Er rettete das Geld der Familie aus Nazi-Deutschland und auch seine kleine Schwester Elisabeth, „Medi“ genannt, mit einer abenteuerlichen Flucht über den Bodensee.

Die Passagen in Ihrem Buch, die sich mit dem Umgang Thomas Manns mit seinen Kindern beschäftigen, sind hart zu lesen.

Die Familie Mann ist ein gefundenes Fressen für jeden, der psychologisch interessiert ist. Dort versammeln sich fast alle Arten von Komplexen innerhalb einer einzigen Familie: Ödipuskomplex, Minderwertigkeitskomplex, Vaterkomplex und so weiter. Thomas Mann trug tatkräftig dazu bei, dass das auch so blieb. Sympathie- oder gar Liebesgaben an die Kinder waren spärlich bemessen, auch die Mutter übernahm die klassische Mutterrolle nicht. Sie widmete sich ganz dem Weltruhm ihres Gatten. Man muss sagen, dass die sechs Kinder der Manns emotional sehr unterversorgt waren.

Die Rolle der Kinder changierte also irgendwo zwischen Statusobjekt und Störfaktor für Thomas Mann?

In gewisser Weise. Elisabeth Mann ist die große Ausnahme, sie war das erklärte Lieblingskind von Thomas Mann. Insgesamt wuchsen die Kinder paradox auf: Sie erfuhren eine ungeheure kulturelle Förderung innerhalb dieser Künstlerfamilie, spielten alle ein Instrument. Sie bekamen permanent Geld von den Eltern, Autos zum 18. Geburtstag, durften in den besten Hotels übernachten. Die Erziehung war sehr liberal. Sie durften offenbar Drogen nehmen, Alkohol trinken, was auch immer sie wollten.

Aber was war das wert, wenn es die Eltern an Zuneigung fehlen ließen?

Wenig. Die Liebe kam zu kurz, in dieser ganzen Freiheit gab es sehr viel Melancholie, sehr viel Zynismus, sehr viel Einsamkeit und sehr viel Depression. Zwei der Kinder sollten sich am Ende umbringen, Klaus und Michael. Monika, „Moni“ genannt, wiederum galt als Schwarzes Schaf der Familie, sie wurde immer nur belächelt. Mir ist Moni bei der Arbeit fürs Buch ans Herz gewachsen. Sie hat wunderbar warmherzige Dinge über ihre Eltern geschrieben, obwohl diese sie ihr Leben lang nur als Last ansahen. Aber diesem Leistungsdruck zu Hause war sie nicht gewachsen und wollte sich dem auch nicht stellen. Wir haben also eine sehr komplexe, überaus merkwürdige Familie Mann, in der das Lieblingskind Elisabeth ganz offensichtlich vom Vater bevorzugt wurde, während alle anderen Kinder ein Leben lang um seine Anerkennung kämpfen mussten.

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