“Putin hat kaum eine Wahl”: Das steckt hinter den Militärsäuberungen in Russland

Der Wagner-Aufstand vor gut vier Wochen hat Russland erschüttert. Seither greift der Kreml in der Armee durch. Ein Militärexperte erklärt, wie es um Wagner-Chef Prigoschin und den verschwundenen General Surowikin steht.

Nach dem Wagner-Aufstand vor gut einem Monat ist die russische Armee weiter im Fokus des Kreml. Das Misstrauen ist groß, Kommandeure werden entlassen, zugleich ist der hochrangige General Sergej Surowikin weiter spurlos verschwunden.

Und obwohl Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin seit seinem abgebrochenen “Marsch auf Moskau” in Ungnade gefallen ist, scheint er sich unbeeindruckt weiter zwischen Russland und Belarus zu bewegen.

Wie es mit der russischen Militärelite weitergeht und warum die Armee so massive Probleme in der Ukraine hat, erklärt András Rácz, Militär- und Verteidigungsexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

t-online: Einen Monat ist der Aufstand von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin jetzt her. Seither greift der Kreml in der russischen Armee rigoros durch. Wie geschwächt ist Putins Armee?

András Rácz: Die Rebellion hat im Grunde schon lange bestehende Probleme an die Oberfläche katapultiert. Unmittelbar danach wurden mindestens 15 Generäle verhaftet oder entlassen, General Sergej Surowikin, der seitdem verschwunden ist, eingeschlossen. Dass so etwas während eines laufenden Kriegs stattfindet, ist außerordentlich problematisch.

Noch dazu sind jüngst drei Militärs ums Leben gekommen, unter anderem der Stabschef der 35. Armee, der Kommandeur der russischen Operationen um Saporischschja. All das bringt die russische Armee noch weiter durcheinander.

Man hört regelmäßig Klagen russischer Soldaten über die schlechte Versorgung und Ausrüstung. Woher rühren die Probleme der Kreml-Truppen?

Die Zusammenarbeit zwischen den Teilstreitkräften ist schlecht. Die Kommunikation zwischen den Landstreitkräften und der Artillerie sowie zwischen den Landstreitkräften und der Luftwaffe ist teils katastrophal. Auch das ist ein Grund für die extrem hohen russischen Verluste im Gefecht.

András Rácz ist Senior Research Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, DGAP. Dort forscht er zu Russlands Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, zu den Beziehungen Russlands zu post-sowjetischen Ländern sowie Zentraleuropa und zur Außen- und Sicherheitspolitik von Belarus.

Wo hat sich das vor allem gezeigt?

Die Schlacht um Kiew zu Beginn des Kriegs hat alle Schwächen der Armee offengelegt: Der Krieg war wirklich schlecht geplant, die Geheimdienstarbeit mangelhaft, bis heute wird Putin mit geschönten Zahlen informiert. Dieser Angriff auf Kiew kam einem Himmelfahrtskommando gleich, absolut verrückt eigentlich. Und das Problem ist: Bis heute hat es die Armee nicht geschafft, diese Missstände zu beseitigen.

Der Kreml versucht es mit Neubesetzungen. Der Oberbefehlshaber in der Ukraine wurde bereits viermal getauscht. Auf Sergej Surowikin folgte zuletzt Waleri Gerassimow.

Dass die Zuständigkeiten häufig wechseln, zeigt auch ernsthafte strukturelle Probleme auf der Kommandeursebene. Surowikin blieb nur vier Monate. Im Januar kam Gerassimow. Surowikin wurde zu dessen Stellvertreter degradiert. Hinzu kam, dass zu Beginn des Kriegs etwa zehn Generäle im Gefecht getötet wurden. Auch das setzt der Effizienz der Einheiten zu.

Zu Beginn des Kriegs gab es außerdem keine einheitliche Kommandostruktur für die Ukraine. Es gab den westlichen Militärbezirk, der von westlichen Militäreinheiten kommandiert wurde. Genauso der südliche Bezirk. Erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahres wurde eine übergeordnete Struktur geschaffen.

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Surowikin war nach seiner Zeit in der Ukraine weiter ein einflussreicher General der Luftstreitkräfte. Er stellte sich als einer der Sympathisanten des “Marschs auf Moskau” heraus. Seither ist er verschwunden. Gibt es in Russland eine Zukunft für ihn?

Eine militärische Position halte ich für ausgeschlossen. In der Ukraine war er ein effizienter Kommandeur. Größere Fehler hat er nicht gemacht. Aber sollte er zurückkehren, dann nicht in die Armee. Womöglich als Abgeordneter im Parlament. Das ist in Russland nicht unüblich.

Auch der Kommandeur Iwan Popow musste zuletzt gehen. Er befehligte die 58. Armee, war beliebt und galt auch als militärisch erfolgreich.

Popow ist ein erfahrener Kommandeur. Aber seinen “Ungehorsam” innerhalb der Befehlskette konnte Gerassimow nicht dulden. Popow hatte zunächst intern kritisiert, dass die Artillerie schlecht arbeite, dass es viel zu viele Tote auf russischer Seite gebe. Er drohte, sich direkt an Putin zu wenden, an seinen Vorgesetzten vorbei, sollte er nicht gehört werden. Gerassimow ließ ihn feuern. Danach nahm er diese Audionachricht mit seiner deutlichen Kritik auf.

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