Philosoph Precht und Lanz streiten mit Wirtschaftsweiser

Keine Lust auf Arbeit, nur Dienst nach Vorschrift? Dann lieber bedingungsloses Grundeinkommen, meint Philosoph Precht bei Lanz. Eine Ökonomin rechnet das mal durch. Da wird Lanz doch etwas mulmig zumute.

Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer hält ein bedingungsloses Grundeinkommen für nicht finanzierbar. Die Ökonomin von der Ludwig-Maximilians-Universität München gab am Donnerstag bei “Markus Lanz” ein Rechenexempel. Ausgehend vom Hartz-IV-Satz und dem Wohngeld in der teuersten Gegend Deutschlands, in München, müssten pro Person 1.208 Euro monatlich für die Grundsicherung veranschlagt werden.

“Dann würden wir über 900 Milliarden Euro sprechen”, bilanzierte Schnitzer. Der Moderator wurde von dieser Zahl kalt erwischt. “Unser Bundesetat liegt bei ungefähr 350, 380 (Milliarden Euro)? Wow”, entfuhr es Lanz. Richard David Precht hingegen würde sich sogar 1.400 Euro bedingungsloses Grundeinkommen monatlich wünschen und geriet da wiederholt mit der Beraterin der Bundesregierung aneinander.

Die Gäste

  • Richard David Precht, Philosoph

  • Monika Schnitzer, Wirtschaftsweise

  • Kenza Ait Si Abbou, Ingenieurin

Bei “Markus Lanz” ging es ausnahmsweise weder um den Krieg in der Ukraine noch um die Pandemie. Einziges Thema des Abends war die Zukunft der Arbeit. Die Corona-Krise spielte hier aber selbstverständlich eine Rolle. Precht verwies auf die vielen Lkw-Fahrer oder Mitarbeiter in der Gastronomie, die nach der Anfangsphase der Pandemie nicht in ihre stressigen und oft sehr schlecht bezahlten Jobs zurückgekehrt waren. “Da sieht man, dass der Anspruch, Work-Life-Balance, dass Arbeit angenehm sein soll, dass meine Arbeit viel wert ist, angemessen bezahlt werden soll – wie der ganz allmählich von den Spitzenberufen immer weiter durch die Gesellschaft durchgeht. Die Ansprüche steigen in allen Gesellschaftsschichten und das ist wirklich eine große Veränderung”, sagte Precht.

Precht: Dienst nach Vorschrift keine Lösung

Der Philosoph schien diese angeblich gestiegenen Ansprüche gutzuheißen. “Was ist, wenn die Leute nicht mehr arbeiten wollen, müssen dann aber für ihre Rente all die Jahre noch dranhängen und machen dann Dienst nach Vorschrift? Das keine Lösung für unsere Wirtschaft und keine Lösung für unsere Gesellschaft”, bekräftigte er seinen Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Dabei dürfe niemand schlechter gestellt werden als im aktuellen Sozialstaat. Schnitzers Einwand, dass die von Precht geforderten 1.400 Euro in einer Großstadt aber viel weniger wert sind als im ländlichen Raum, ließ der Philosoph nicht gelten. “Das sind so eine Reihe von Mikroungerechtigkeiten”, meinte er. “Ja, in München ist das Leben teuer als in Mecklenburg-Vorpommern, das ist schon richtig. Dafür lebe ich halt in München. Das habe ich mir mehr oder weniger so ausgesucht.”

Die Frage nach der Finanzierung eines Grundeinkommens

Aber wie sollen 1.400 Euro für alle Erwachsenen finanziert werden? Precht plädierte dafür, Finanztransaktionen mit einem geringen Prozentsatz zu besteuern. Das würden normale Verbraucher kaum zu spüren bekommen, Millionäre hingegen schon, sodass über diese Gebühren letztlich die an Reiche gezahlten Grundeinkommen wieder in die Staatskasse gelangten.

Schnitzer, eines von vier Mitgliedern des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sah auch diesen Vorschlag kritisch. In Italien oder Frankreich seien die Erträge durch ähnliche Gebühren weit unter den Erwartungen geblieben, da die Finanzmärkte auf andere Methoden ausgewichen seien. “Das weiß ich natürlich, weil ich mich seit zehn Jahren mit dem Thema beschäftige”, wies Precht die Ökonomin zurecht.

Precht contra Wirtschaftsweise

Überhaupt hatte es an diesem Abend den Anschein, als ob sich Lanz und Precht weitgehend in ihrem gemeinsamen Podcast wähnten. Die anderen Gäste schienen häufig eher zu stören – vor allem dann, wenn sie mit der Meinung der Duz-Freunde nicht übereinstimmten. Die Wirtschaftsweise Schnitzer etwa widersprach Precht, als der meinte, niemand würde heutzutage 67-Jährige einstellen. “Da hat er doch recht”, sagte Lanz. “Nein, er hat nicht recht. Wir brauchen die Leute”, hielt die LMU-Professorin dagegen. “Wo, machen Sie es konkret”, forderte Lanz wiederholt. “Da, wo wir die Fachkräfte brauchen”, erwiderte die Ökonomin. “In der Altenpflege. Wollen Sie jetzt 75-Jährige von 68-Jährigen pflegen lassen?”, echauffierte sich der Philosoph.

Ökonomin: Bekannte haben Bürojobs im Rentenalter

Schnitzer verwies auf eigene Bekannte, die im Rentenalter wieder arbeiten gegangen seien, etwa in Bürojobs bei Behörden. “Tatsächlich arbeiten viele Rentner als Berater für Unternehmen auf selbstständiger Basis”, warf Kenza Ait Si Abbou, Managerin bei IBM, ein. “Das ist doch die Ausnahme”, wischte Lanz auch diesen Einwand beiseite. Precht blieb dabei: “In dieser reichsten Überflussgesellschaft, die die Welt je gesehen hat, müssen wir nur wegen unseres Rentensystems und nicht wegen irgendeines anderen Grunds, die Leute jetzt immer länger arbeiten lassen. Das ist eine völlige Paradoxie.”

Technologie als “zwischenmenschliche Katastrophe”

Ait Si Abbou kam in dieser Runde nur selten zu Wort. Die Expertin für Künstliche Intelligenz und Robotik stieß mit ihrem Plädoyer für eine bedeutsamere Rolle von Technologie in neuen, zwischenmenschlichen Bereichen bei Lanz und Precht auf Widerwillen, wenn nicht schon Ekel. Eine flauschige Roboterrobbe zum Streicheln für einsame Menschen im Altersheim? Eine zwischenmenschliche “Katastrophe”, meinte Precht. Sich von einem Roboter im Restaurant das Getränk bringen lassen? “Das wäre nicht die Erlebnisgastronomie, die ich mir vorstelle”, sagte Lanz. So etwas würde er sich höchstens im Fast-Food-Restaurant gefallen lassen, pflichtete ihm sein Freund bei. “Dann muss man es sich leisten können, in einem Restaurant zu speisen, wo Leute besser bezahlt werden”, erwiderte Schnitzer.

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