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Sonntag, Mai 22, 2022

Hamburger Seemannsmission vermittelt auf Schiffen

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Im Hamburger Seefahrerclub “Duckdalben” treffen sich Menschen aus der ganzen Welt. Das Team der Deutschen Seemannsmission bekommt dort auch die Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine zu spüren.

Im Seemannsclub “Duckdalben” in Hamburg kennt man sich aus mit internationalen Konflikten und Kriegen. “Wie bei fast allen Kriegen nehmen wir wahr, dass es bei uns eher zu positiven Begegnungen kommt”, berichtet Clubleiter und Sozialarbeiter Sören Wichmann.

Der 28-Jährige arbeitet seit mehr als sieben Jahren für die Seemannsmission und sagt: “Die Seeleute sind Leidtragende dieses Krieges. Die sitzen alle im gleichen Boot.”

Seemannsmission will in Notlagen helfen

Das Team der Seemannsmission ist auf die akuten Bedürfnisse von ukrainischen und russischen Seeleuten eingestellt. “Ein großes Thema ist die Versorgung mit Geld. Viele kommen hier nicht an ihren Lohn oder können nichts an die Familien zuhause schicken”, berichtet Wichmann. “Wir versuchen, zu helfen, wo wir können.” Man kenne solche Notsituationen, wenn in der Heimat der Seefahrer Kriege oder Umweltkatastrophen herrschten.

Sören Wichmann steht unter Rettungsringen, die an der Decke aufgehängt sind: Er leitet den Seemannsclub “Duckdalben” im Hamburger Hafen. (Quelle: Marcus Brandt/dpa)

“Die Arbeit im Club und an Bord ist anders, sie wird intensiver. Die Krisenintervention wird intensiver”, sagt Seemannsdiakon Jörn Hille. Es sei deutlich zu spüren, dass gerade die russischen und ukrainischen Seeleute angespannter sind. “Normalerweise sind Seeleute ein ziemlich toleranter Haufen. Aber mit diesem Konflikt im Hintergrund und wenn die Seeleute persönlich betroffen sind, hört irgendwann die größte Toleranz auf.”

Seeleute aus der Ukraine verlieren Kontakt in die Heimat

Im Club ist es bislang nicht zu Auseinandersetzungen gekommen, sagt Wichmann. “Hier wird sich eher zusammengesetzt und ein Bier getrunken.” 

Die Seemannsmission stellt den Seeleuten kostenlos Kommunikationsmittel zur Verfügung, wenn sie sich den Kontakt zu ihren Familien andernfalls nicht leisten können. “Viele von ihnen sind hilflos und versuchen verzweifelt, die Familie in Mariupol oder Odessa zu erreichen.”

 Der Eingang des Seemannsclubs "Duckdalben" im Hamburger Hafen. Viele ukrainische Seeleute suchen dort den Kontakt in die Heimat. (Quelle: dpa/Marcus Brandt) Der Eingang des Seemannsclubs “Duckdalben” im Hamburger Hafen. Viele ukrainische Seeleute suchen dort den Kontakt in die Heimat. (Quelle: Marcus Brandt/dpa)

Wichmann berichtet t-online von einer rührenden Geschichte: “Neulich haben sich bei uns im Club zwei ukrainische Brüder gefunden. Sie wussten nicht, wo der andere steckt und ob er vielleicht in den Krieg gezogen ist. Da war ganz schön was los.”

An Bord sei die Stimmung oftmals schwieriger. “Die psychische Belastung auf den Schiffen kann enorm sein, wenn Crews aus beiden Ländern stammen, was aber eher selten der Fall ist. Meistens sind alle aus dem gleichen Land.” Russen und Ukrainer machen etwa zwölf Prozent aller Seefahrer weltweit aus, sagt Wichmann.

Ukrainischer Koch will nicht für Russen an Bord kochen

Clubleiter Wichmann erzählt von einem ukrainischen Schiffskoch, dem es immer schwerer falle, für seine russischen Kameraden zu kochen. Ihm haben die Sozialarbeiter Gespräche angeboten. Andererseits gebe es einige Russen, die sich für den Krieg schämen und sich davon distanzieren wollen. “Einer hat mich sogar gefragt, ob er noch in den Club darf. Natürlich darf er das.”

Die Seemannsmission habe nun eigens ein Handout zur Konfliktbewältigung an Bord erstellt. “Das ist vor allem für Kapitäne und Offiziere gedacht, damit sie mit Streit an Bord umgehen können”, erzählt Wichmann. Darin enthalten seien konkrete Handlungsempfehlungen für verschiedene Eskalationsstufen. “Das wird sehr gut angenommen, viele Reedereien und Kapitäne haben schon aktiv danach gefragt.”

Harte Worte, aber keine Gewalt unter den Seeleuten

Von körperlicher Gewalt auf Schiffen mit gemischten Crews wisse Wichmann nichts, wie er sagt. “Da fallen sicher mal ein paar harte Worte oder es knallt eine Tür, mehr aber nicht.” Er beobachtet, dass viele stark von den Informationen, die sie aus Medien erhalten, geprägt seien. “Wenn eine russische Crew nur russisches Fernsehen schaut, macht sich das natürlich bemerkbar.”

So mancher ukrainischer Seemann überlege auch, ob er in sein Heimatland fahre, um zu kämpfen oder seine Familie zu holen oder zu beschützen, erzählt Diakon Jörn Hille. Für die russischen Seefahrer sei die Heimkehr teilweise gar nicht so leicht, berichtet Wichmann: “Es fliegen ja kaum noch Flugzeuge, und wenn, dann nur über Istanbul.”

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