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Samstag, Oktober 1, 2022

Die Heldinnen des Iran

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

wir befinden uns gerade in einer merkwürdigen Übergangszeit, was das Wetter angeht. In dem einen Moment ziehen dunkle Wolken auf, Regen prasselt auf die Straßen, ehe die Sonne Minuten später schon wieder alles trocknet. Und das mehrmals täglich im Wechsel.

Das bereitet bei der Garderobe Probleme: Manche Leute laufen noch in T-Shirts und kurzen Hosen herum, andere tragen schon dicke Winterjacken. Die Kleidungswahl anderer kann in solchen Fällen durchaus befremdlich wirken. Doch die gute Nachricht ist: Egal, wie das Wetter heute bei Ihnen wird, Sie können tragen, was sie wollen. Klingt selbstverständlich, oder?

Im Iran ist das anders. Dort verrät die Kleidung der Bürger viel mehr etwas über das Menschenbild der staatlichen Führung – vor allem bei Frauen. Wer der Kleiderordnung des Regimes nicht folgt, kann in Schwierigkeiten geraten. Oder sterben, wie im Fall von Mahsa Amini. Vor genau einer Woche wurde der Tod der 22-Jährigen in einem iranischen Krankenhaus in Teheran vermeldet.

Mahsa Amini: Die 22-Jährige starb wenige Tage nach ihrer Festnahme in Teheran.

Es wäre allerdings reichlich untertrieben, die Proteste auf den Wunsch nach freier Kleiderwahl zu reduzieren. Die berechtigte Wut richten sich gegen ein Regime, das mit dem Wort “rückständig” noch nicht mal im Ansatz beschrieben ist. Männer dürfen im angeblichen Gottesstaat Iran ihre Ehefrauen schlagen und vergewaltigen, ohne dass ihnen juristische Konsequenzen drohen. Scheidungen sind für Frauen nur schwer durchsetzbar, Männer können ihre Ehe jederzeit beenden – nur um einige Beispiele zu nennen.

Demonstranten in Teheran: Die Proteste weiten sich aus.
Demonstranten in Teheran: Die Proteste weiten sich aus. (Quelle: Reuters-bilder)

Die Bilder von damals dürften den Iranerinnen noch präsent sein. Ihren bewundernswerten Mut scheinen sie aber nicht zu verlieren. “Wir werden sterben, wir werden sterben, aber wir werden den Iran zurückbekommen”, skandieren sie bei ihren Protesten.

Um das iranische Regime tatsächlich ins Wanken zu bringen, dürfte aber mehr als lautstarker Protest notwendig sein. An diesem Punkt kommt unsere Bundesregierung ins Spiel: “Feministische Außenpolitik ist kein europäisches oder westliches Konzept. Es ist ein universelles Menschenrechtskonzept”, sagte Außenministerin Annalena Baerbock gestern am Rande der UN-Generalversammlung in New York. Den “brutalen Angriff auf die mutigen Frauen” nannte sie einen “Angriff auf die Menschheit.” Deshalb wolle Baerbock den Fall vor den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen bringen.

Ali Chamenei (l.) und Ebrahim Raisi (r.): Der "Oberste Führer" des Iran ist seit 1989 an der Macht, Präsident Raisi wurde 2021 in das Amt gewählt.
Ali Chamenei (l.) und Ebrahim Raisi (r.): Der “Oberste Führer” des Iran ist seit 1989 an der Macht, Präsident Raisi wurde 2021 in das Amt gewählt. (Quelle: imago-images-bilder)

Das wäre ein erster richtiger Schritt. Denn vehemente Verurteilungen der Geschehnisse allein reichen nicht aus. Zu viele Politiker haben jahrzehntelang trotz der menschenunwürdigen Verhältnisse in dem Land nur zugesehen. Auch jetzt bleibt der große Aufschrei nicht nur in Deutschland weitestgehend aus. Wenn die Bundesregierung es mit ihrer vermeintlich neuen Außenpolitik ernst meint, dann sollte sie den Druck auf den Iran weiter erhöhen.

Eine Wahl, die keine ist

Wahlurne in Luhansk: Russland hält in der ukrainischen Region ein Scheinreferendum ab.
Wahlurne in Luhansk: Russland hält in der ukrainischen Region ein Scheinreferendum ab. (Quelle: Valery Melnikov/imago-images-bilder)

Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja: Wenn Russland die gesamte Ukraine schon nicht erobern kann, will es mit Scheinabstimmungen zumindest so tun, als könne das Volk selbst entscheiden, ob es zu Russland gehören will oder nicht. Ab heute sollen die Menschen in den besetzten Gebieten darüber abstimmen. Ein ähnliches Verfahren hatte es bereits 2014 auf der der völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim gegeben.

“Man wird von Haus zu Haus gehen und die Leute rausholen und zu den Urnen karren”, ist sich Militärexperte Carlo Masala sicher. Auch er spricht von einer gefälschten Wahl, die in den Gebieten bis Montag abgehalten werden soll. Das Ergebnis dürfte aus russischer Sicht wohl schon jetzt feststehen. Dass kaum ein anderes Land und schon gar nicht die Ukraine den Ausgang anerkennen wird allerdings auch.

In Russland läuft derweil die Mobilmachung der Reservisten für das Militär an. Während die einen sich tränenreich Richtung Front verabschieden, haben andere ihre Heimat schon lange verlassen – und zwar Richtung Westen. Meine Kollegin Clara Lipkowski hat mit einem jungen IT-Experten gesprochen, der kurz nach Kriegsbeginn aus Moskau geflüchtet ist und mittlerweile in Helsinki lebt.

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