Poirots berühmtester Fall

Der „Mord im Orient-Express“ geschah im falschen Zug


15.08.2026 – 08:05 UhrLesedauer: 2 Min.

Albert Finney spielte den beliebten Roman-Detektiv in der Kino-Adaption "Mord im Orient-Express".

„Mord im Orient-Express“: Albert Finney spielte die Hauptrolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot in der legendären Verfilmung aus dem Jahr 1974. (Quelle: dpa/Mary Evans Picture Library)

Millionen Menschen haben Mord im Orient-Express gelesen. Doch kaum jemand bemerkt den historischen Fehler, der sich bereits im Titel verbirgt.

Draußen peitschte der eisige Wind den Schnee gegen die Fenster des Orient-Express. Die Räder blockierten, der Luxuszug fror mitten im jugoslawischen Nirgendwo auf den Gleisen fest. Drinnen, im fahlen Licht von Abteil Nummer 2, wartete der amerikanische Millionär Ratchett. Er wusste, dass man ihn jagte.

Das Beruhigungsmittel in seinem Glas schmeckte bitter, seine Lider wurden schwer. Im Schein einer flackernden Kerze glitt ein Schatten durch die Abteiltür. Ein Atemzug in der Dunkelheit. Ein kurzer Klingenblitz. Als am nächsten Morgen die bleiche Wintersonne den eingeschneiten Zug erreichte, war Ratchett tot – und der Mörder hatte den Zug nie verlassen.

Agatha Christies 1934 veröffentlichter Roman „Mord im Orient-Express“ ist ein unsterblicher Klassiker, der weltweit immer noch Millionen Leser fesselt. Doch hinter dem Titel verbirgt sich ein historischer Irrtum, den kaum jemand bemerkt: Die blutige Tat geschieht in Wahrheit gar nicht im Orient-Express.

Der berühmteste Irrtum der Kriminalliteratur

Der Mord geschieht nämlich historisch betrachtet im Simplon-Orient-Express – der eleganteren Südroute der legendären Luxuszüge. Während der ursprüngliche Orient-Express seit 1883 von Paris über München, Wien, Budapest und Bukarest nach Istanbul fuhr, änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg die politische Landkarte Europas. Frankreich und die übrigen Alliierten wollten die Verliererstaaten Deutschland und Österreich möglichst umgehen.

So entstand ab 1919 die neue Südroute. Möglich wurde sie durch den Simplon-Tunnel in den Alpen. Von Paris führte der Simplon-Orient-Express nun über Lausanne, Mailand, Venedig, Triest, Zagreb, Belgrad und Sofia bis nach Istanbul.

Genau deshalb hielt der berühmte Luxuszug überhaupt in Zagreb. Und genau deshalb blieb er während des historischen Rekordwinters östlich der Stadt – zwischen Vinkovci und Brod – im Schnee stecken. Ohne diese Routenänderung gäbe es weder das legendäre Hotel Esplanade Zagreb noch Hercule Poirots berühmtesten Fall.

„Mord im Orient Express“: Johnny Depp spielte die Rolle des Opfers Edward Ratchett in der hochkarätig besetzten Neuverfilmung aus dem Jahr 2017. (Quelle: IMAGO/Nicola Dove/imago)

Der Zug war der richtige – nur der Name nicht

Wenn heute vom „Orient-Express“ gesprochen wird, werden meist mehrere Luxuszüge unter demselben Namen zusammengefasst. Neben dem ursprünglichen Orient-Express gehörten dazu unter anderem der Simplon-Orient-Express sowie später der Arlberg-Orient-Express.

Historisch betrachtet ist die Sache jedoch eindeutig: „Mord im Orient-Express“ spielt ausschließlich im Simplon-Orient-Express. Der klassische Orient-Express über München und Wien hätte den verschneiten Tatort niemals erreichen können.

Vielleicht ist genau das die schönste Ironie dieser Geschichte: Der berühmteste Mord der Literaturgeschichte geschah nie dort, wo ihn bis heute fast jeder vermutet.

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