Nein, das ist Täterschutz

Deutschland diskutiert über sexualisierte Gewalt gegen Frauen – und das ist dringend überfällig. Aber Friedrich Merz nennt in der aktuellen Debatte die Gruppe der Zuwanderer als primäre Ursache – und das ist frustrierend und falsch zugleich. Dabei ging es um männliche Gewalt und Machtmissbrauch. Thema verfehlt, Herr Bundeskanzler.

Um es klar festzuhalten: Migration ist nicht die Ursache für sexualisierte Gewalt gegen Frauen, insbesondere nicht im Netz. Das belegt das aktuelle Bundeslagebild des Bundeskriminalamts zu geschlechterspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten. Merz spricht hier über ein völlig anderes Thema, und er zündet eine politische Nebelkerze, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Die Vermischung dieser Themen ist ganz im Sinne der AfD und vieler Rechtsextremer in Deutschland. Für sie steht ihr Kulturkampf im Mittelpunkt, nicht der Opferschutz. Ein Bundeskanzler muss sich ohne jede Frage hinter die Frauen stellen, die in Deutschland viel zu oft sexualisierte Gewalt im digitalen Raum erleben. Dass er stattdessen auf dem Rücken der Opfer eine Migrationsdebatte lostreten möchte, das ist vor allem eines: beschämend.

Merz‘ Ausführung ist zudem nicht von Fakten gedeckt, auch nicht in der analogen Welt. „Überrepräsentation“ ist natürlich ein gern genutztes Argument, wenn es um Gewaltdelikte und Migranten geht. Betont wird stets, der Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger liegt über ihrem Bevölkerungsanteil (14,5 Prozent). Aber das heißt trotzdem nichts anderes, als dass in absoluten Zahlen immer noch weitaus mehr deutsche Täter Frauen und Kinder in diesem Land vergewaltigen, als ausländische dies tun. Das belegt jede Statistik und das darf ein Kanzler nicht verdrehen, wenn er von „beachtlichen“ Anteilen spricht.

Stattdessen ist es die Aufgabe des Kanzlers, die wahren Ursachen für Gewalt gegen Frauen zu benennen, um sie auch wirklich bekämpfen zu können: Es ist der Wunsch, Macht auszuüben, mit Gewalt ein Gefühl von Überlegenheit über eine Person zu erlangen. Und das betrifft mehrheitlich Männer, nicht etwa mehr nicht deutsche als deutsche Männer.

Was hilft es den Opfern, wenn ein Kanzler diese bewiesene Mehrheit kategorisch ausblendet? Das hat mit dem Schutz von Frauen vor Gewalt nichts zu tun, das ist Täterschutz. Merz darf den Fokus jetzt nicht wegbewegen von Christian Ulmen, Dominique Pelicot, Jeffrey Epstein und vielen mehr – nur weil er offenbar eine Gelegenheit sieht, Zuwanderern das Problem zuzuschieben.

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