Die Gewerkschaftler buhen den Kanzler aus. Das ist töricht. Stattdessen hätten sie ihm besser zuhören sollen. Denn Merz spricht wohltuend klare Worte.
Das war kein leichter Auftritt für Friedrich Merz. Die Stimmung beim DGB-Bundeskongress am Dienstagmorgen: teils offen feindselig. Buhrufe und Pfiffe erntete der Kanzler für seine Worte, „Lügner“ rief ihm mancher aus dem Publikum gar entgegen.
Umso mehr muss man festhalten: Respekt für diese Rede. Alle Achtung für den Klartext und den unbeirrt ruhigen Tonfall, den der Kanzler vor dieser für ihn schwierigen Zuhörerschaft fand.
Denn Merz hat an keiner Stelle seiner Ausführungen gelogen, im Gegenteil. Wer ihm das vorwirft, lügt sich selbst in die Tasche oder presst zumindest die Augen so eng zusammen, dass er die Realität nicht wahrnehmen kann.
Ausgeruht auf dem Wohlstand von gestern
Diese umreißt Merz genau richtig: In Deutschland muss Schluss sein mit dem ständigen Weiter-so. Zu lange hat sich das Land, hat sich seine Bevölkerung auf dem Wohlstand von gestern ausgeruht. Zu wenig dagegen haben sich die Deutschen, die Politik, die Unternehmen damit beschäftigt, wie sich der Wohlstand von morgen sicherstellen lässt.
Selbst wenn es also die großen Krisen der Welt nicht gäbe, es bräuchte trotzdem umfassende, strukturelle Veränderungen in Deutschland. Die dauerhaft für mehr Wachstum sorgen, die langfristig vor dem Abstieg bewahren. Und ja, die kurzfristig auch schmerzhaft sein können, für Einzelne und für – siehe Krankenkassenreform – alle.
Es tut gut, und es ist gut, dass der Kanzler das deutlich benennt. Dass er eben nicht den Tonfall wechselt, je nachdem, vor welchem Publikum er gerade spricht. Merz hat seit Beginn seiner Kanzlerschaft eine klare Botschaft, und je öfter er sie wiederholt, desto mehr darf man hoffen, dass sie endlich auch bei allen ankommt: Deutschland bewegt sich tatsächlich unter seinen Möglichkeiten. Das Land, alle in der Gesellschaft, müssen mit anpacken. Nur dann lassen sich die Reformen wirklich in eine Chance verwandeln, in einen Gewinn für alle.
Gewerkschaften im Abwehrkampf
Klar, das gefällt nicht jedem, das zeigt sich beim DGB so offen wie an kaum einer anderen Stelle: Größer als hier könnte der Kontrast zwischen Merz’ Appellen und der Haltung der allermeisten im Saal kaum sein.
Die Gewerkschaftler kämpfen einen Abwehrkampf. Sie verteidigen alte Gewissheiten – in ihrer Sicht: Errungenschaften –, die in den heutigen Zeiten jedoch zu Recht infrage gestellt werden müssen. Etwa das althergebrachte Arbeitszeitgesetz, das Schwarz-Rot modernisieren will, aber auch die gesetzliche Rente, die angesichts der alternden Gesellschaft dringend ein Update braucht.
