Experten des IWF warnen
Der Puffer am Ölmarkt ist fast aufgebraucht
16.07.2026 – 04:36 UhrLesedauer: 4 Min.
Warum sind die Ölpreise trotz des Krieges im Nahen Osten nicht explodiert? Der Internationale Währungsfonds liefert eine Antwort – und warnt zugleich, dass dieses Sicherheitsnetz nicht mehr lange trägt.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am Mittwoch vor wachsenden Risiken für den globalen Ölmarkt gewarnt. Eine geringere Nachfrage, höhere Fördermengen außerhalb der Golfregion und der Abbau von Lagerbeständen hätten den Preisschock nach der faktischen Schließung der Straße von Hormus zunächst gedämpft. Doch dieser Spielraum werde immer kleiner, schrieben die IWF-Ökonomen Jean-Marc Natal und Azim Sadikov in einem Blogeintrag.
Zu Beginn des Krieges im Nahen Osten waren die Rohölpreise zunächst stark gestiegen. Anschließend hätten sie sich jedoch in einer Spanne von 90 bis 100 US-Dollar je Barrel eingependelt und seien damit deutlich unter dem Niveau geblieben, das viele Beobachter befürchtet hätten.
„Der größte Ausfall am weltweiten Ölmarkt seit Jahrzehnten hätte die Preise in die Höhe treiben müssen“, schreiben die IWF-Ökonomen. Eine Kombination mehrerer Faktoren habe den ersten Schock jedoch abgefedert. „Ein großer Teil des Spielraums ist nun aber aufgebraucht.“
Ein Fünftel des Verbrauchs betroffen
Der Krieg habe die Straße von Hormus faktisch geschlossen und damit täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Raffinerieprodukte vom Markt abgeschnitten. Das entspreche etwa einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs.
Die Förderländer am Golf hätten versucht, einen Teil der Lieferungen umzuleiten. Saudi-Arabien habe Öl über eine Pipeline zum Rotmeerhafen Yanbu transportiert. Die Vereinigten Arabischen Emirate hätten den außerhalb der Meerenge gelegenen Hafen Fujairah nahezu bis an seine Kapazitätsgrenze ausgelastet. Diese Ausweichrouten hätten allerdings nur einen kleinen Teil der verlorenen Liefermengen ersetzen können.
Auch die Produktion von Raffinerieprodukten in der Golfregion sei deutlich zurückgegangen. Besonders betroffen seien Diesel und Kerosin gewesen. Auf die Region entfielen bei diesen Produkten etwa zehn Prozent des weltweiten Angebots.
Bis Ende Mai hätten insgesamt mehr als 1,1 Milliarden Barrel Rohöl den Markt nicht erreicht. Diese Menge entspreche ungefähr dem üblichen weltweiten Verbrauch von zehn Tagen. Zum jeweils gleichen Zeitpunkt der Krisen sei der Ausfall größer gewesen als während des Ölschocks von 1973, des Iran-Irak-Kriegs und des Golfkriegs.
Drei Faktoren dämpften den Schock
Unmittelbar vor Kriegsbeginn habe das weltweite Angebot die Nachfrage um rund zwei Millionen Barrel pro Tag übertroffen. Dieser Überschuss habe dem Markt einen ersten Puffer verschafft. Zwischen März und Mai hätten anschließend drei Entwicklungen den Großteil des Ausfalls aufgefangen:
- Vor allem in Asien sei die Nachfrage gesunken. Höhere Preise hätten den Verbrauch gedrückt, zugleich hätten Volkswirtschaften verstärkt auf Alternativen wie Kohle und erneuerbare Energien zurückgegriffen.
- Die Förderung außerhalb der Golfregion sei gegenüber dem Niveau von 2025 um fast zwei Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Den größten Beitrag hätten die USA geleistet, daneben hätten Venezuela, Guyana und Russland ihre Produktion erhöht.
- Das verbleibende Marktdefizit von rund vier Millionen Barrel pro Tag sei nahezu vollständig durch den Abbau weltweiter Lagerbestände gedeckt worden. Dafür seien sowohl kommerzielle Vorräte in China als auch strategische Reserven abgebaut worden.
