Anne Carson

Nobelpreisträgerin – ihr Bruder war 22 Jahre lang auf der Flucht


08.10.2026 – 15:07 UhrLesedauer: 4 Min.

Anne Carson: Der Altphilologin wurde der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. In ihrem Leben hat die Kanadierin viel Leid erlebt. (Quelle: IMAGO/Lars Pehrson / SvD / TT)

Anne Carson ist Nobelpreisträgerin in der Kategorie Literatur. Ihr persönlichstes Buch ist einem Mann gewidmet, der 22 Jahre lang vor der Polizei floh – ihrem Bruder.

Die Schwedische Akademie in Stockholm hat die Kanadierin Anne Carson mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet – laut Begründung für ihr „kühnes und erfindungsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“.

Anne Carson, geboren 1950 in Toronto, ist Altphilologin, Dichterin und Übersetzerin. Sie gilt als notorisch medienscheu. Ihre offizielle Kurzbiografie bestand jahrelang aus einem einzigen Satz: „Anne Carson wurde in Kanada geboren und unterrichtet Altgriechisch, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

Eines ihrer Werke ist ungewöhnlich. Es ist kein Buch im üblichen Sinn, sondern ein grauer Kasten, dessen Deckel wie eine Tür mit Schlüsselloch aussieht. Auf der Rückseite steht ein Satz, den Carson selbst geschrieben hat: „Als mein Bruder starb, machte ich ihm einen Grabstein in Form eines Buches. Dies ist eine Nachbildung davon, so genau wie wir es hinbekommen haben.“ Das Buch mit dem Titel „Nox“ erschien 2010.

Ein Buch wie ein Grabstein: Der Deckel von „Nox“ ist grau, ein Foto zeigt Carsons Bruder Michael als Kind. (Quelle: New Directions Publishing Coporation)

Zwei Kinder, zwei Richtungen

Die Carsons waren eine „Familie auf Rädern“. Der Vater arbeitete bei einer Bank, die ihre Angestellten alle paar Jahre in eine andere Filiale versetzte. Also zogen die Carsons durch die Kleinstädte der Provinz Ontario. Anne vertiefte sich in ihre Bücher. Michael, vier Jahre älter, nahm den raueren Weg, heißt es in einer Buchkritik des „New York Magazine“. In der Schule lief es für ihn schlecht, bei seiner Schwester lief es glänzend. Er soll ihr schon in Kindertagen die Spitznamen „Professor“ und „Pinhead“ gegeben haben.

Irgendwann in den Siebzigern begann Michael, mit Drogen zu handeln. 1978 wurde er verhaftet. Er kam gegen Kaution frei, erschien nicht vor Gericht und verließ Kanada, wie die „New York Times“ berichtet. Anne Carson beschrieb die Situation so: „Er rannte 1978 weg, statt ins Gefängnis zu gehen.“

Zuvor hatte Michael noch ein paar Tage bei seiner Schwester gewohnt. Sie erinnerte sich später vor allem an die Zigarettenkippen, die er überall hinterließ – auch in der Bratpfanne. Dann war er weg. 22 Jahre lang reiste Michael mit falschen Pässen durch Europa und Indien, nahm andere Namen an, lebte, wie der britische Dichter Andrew Motion es im „Guardian“ formulierte, „rau“. Er schickte Postkarten ohne Absenderadresse, telefonierte mit seiner Schwester in diesen 22 Jahren nur fünf Mal.

Anruf nach 22 Jahren Flucht

Im Jahr 2000 klingelte in Anne Carsons Büro dann plötzlich das Telefon. „Er hat mich einfach eines Tages im Büro angerufen“, erzählte sie „Publishers Weekly“. Michael benutzte ihren alten Spitznamen, heißt es da. Die Frage, mit der er sich nach 22 Jahren zurückmeldete, lautete: „Also, Pinhead, hast du schon Weisheit erlangt?“ Dann erzählte er von seinem neuen Wohnort in Kopenhagen, und die beiden schmiedeten einen Plan. Anne würde nach Europa fliegen. „Aber eine Woche bevor ich fahren sollte, bekam ich den Anruf, dass er gestorben war.“

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