Cyberchondrie

Riskante Selbstdiagnose: Wenn Dr. Google Ängste schürt


Aktualisiert am 01.04.2026 – 08:36 UhrLesedauer: 4 Min.

Wer seine Beschwerden ständig googelt, fühlt sich von den Ergebnissen rasch verunsichert. (Symbolbild) (Quelle: Noko LTD/getty-images-bilder)

Fast jeder hat schon einmal im Internet zu Symptomen recherchiert. Doch oftmals machen die Ergebnisse Angst. Was das bedeutet, wer gefährdet ist und was hilft.

Die Schmerzen können doch nicht nur Seitenstiche sein. Und wer weiß, was das Kribbeln in den Fingern zu bedeuten hat? Schnell zwei, drei Klicks im Internet – und schon landen manche in einer Welt von dramatischen Krankheitsverläufen und vermeintlichen Diagnosen. Angst macht sich breit.

Fachleute sprechen von Cyberchondrie. Der Begriff setzt sich zusammen aus Cyber und Hypochondrie. Laut Heiko Graf, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizinvom Städtischen am Klinikum Karlsruhe, beschreibt er ein Phänomen, aber keine klassifizierte Erkrankung.

Bei der Cyberchondrie bestehe eine unbegründete Angst oder eine erhöhte Aufmerksamkeit auf ernste körperliche Erkrankungen, die auf der Kenntnisnahme von Internetinhalten beruhe, erklärt Graf. Daraus könnten sich eine Depression oder eine hypochondrische Störung entwickeln. Letztere sei gewissermaßen die Maximalvariante.

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Immerhin sechs Prozent der deutschen Bevölkerung leiden laut einer Studie der Uni Mainz unter starken Gesundheitsängsten. Mit klarer Tendenz: „Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den letzten 30 Jahren“, sagt Graf.

Hohes Gefährdungspotenzial

„Betroffen sind vor allem unter 35-Jährige“, erklärt der Experte. Diese Gruppe nutze das Internet häufiger als etwa über 80-Jährige. Zudem entwickelten sich Angststörungen zunehmend im jüngeren Lebensalter. „Man ist da noch empfänglicher.“

Aber auch Menschen mit erhöhter Grundängstlichkeit oder solche, die mit Unsicherheiten schlecht umgehen können, seien anfälliger. Studien gingen davon aus, dass bei 30 bis 50 Prozent der Menschen die Angst vor Erkrankungen steige, wenn sie im Internet danach suchen.

Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse haben 91 Prozent der Befragten schon einmal zu Krankheiten und Symptomen im Netz recherchiert – egal ob sie selbst betroffen waren oder jemand aus ihrem Umfeld. Rund ein Drittel gab an, sich so Arztbesuche zu sparen.

13 Prozent haben sich demnach schon einmal eine Selbstdiagnose gestellt. Unter den 16- bis 34-Jährigen sei es sogar jeder Fünfte gewesen (20 Prozent).

Hinzu kommt, dass es für Laien nicht immer leicht ist, seriöse Quellen von unseriösen zu unterscheiden. Manche Texte wirken neutral, wollen aber eigentlich Produkte anpreisen. Andere Webseiten versuchen wiederum, mit ihren Informationen gezielt zu manipulieren oder Zweifel zu wecken.

Von der Symptomrecherche im Internet zu „Morbus Google“

„Wer im Netz nach Krankheiten und Symptomen googelt, macht erst einmal nichts falsch“, sagt KKH-Psychologin Isabelle Wenck der Krankenkasse zufolge. „In den meisten Fällen verbessert dies sogar die eigene Gesundheitskompetenz – vorausgesetzt, die Informationen sind seriös und aktuell.“

Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten aber schnell in einen Teufelskreis geraten. „Das gilt insbesondere für diejenigen, die bereits eine konkrete Angst vor schweren oder unheilbaren Krankheiten haben.“ In der Folge könne eine Cyberchondrie entstehen. „Diese zwanghafte Sucht nach einer Internetdiagnose wird auch Morbus Google genannt“, erläutert Wenck.

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