
Spielregeln
Forscher entschlüsseln 1.700 Jahre altes Brettspiel
11.02.2026 – 16:52 UhrLesedauer: 2 Min.
Forscher der Universität Leiden haben mithilfe von KI die Regeln eines römischen Brettspiels rekonstruiert und liefern neue Erkenntnisse zur Spielegeschichte.
Ein unscheinbarer Kalksteinblock aus der römischen Siedlung Coriovallum, dem heutigen Heerlen in den Niederlanden, hat sich als Spielbrett entpuppt. Forscher der Universitäten Leiden und Maastricht haben mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erstmals die möglichen Regeln eines bislang unbekannten Brettspiels ermittelt. Die Ergebnisse hat das Team um den Archäologen Walter Crist in der Fachzeitschrift „Antiquity“ veröffentlicht.
Der Stein misst demnach etwa 21 mal 14,5 Zentimeter. Auf seiner Oberfläche zeigen eingravierte Linien ein geometrisches Muster, das sich keinem bekannten römischen Spiel zuordnen ließ. Mikroskopische Untersuchungen und detaillierte 3D-Scans des Objekts offenbaren zudem, dass der Stein um die Linien herum stärker abgenutzt war – genau dort, wo Spielsteine während einer Partie entlangbewegt worden sein könnten.
Laut der Studie besteht der Stein aus weißem Jurakalk aus den Steinbrüchen von Norroy in Nordostfrankreich. Dieses Material wurde in römischer Zeit üblicherweise für große Bauelemente verwendet, nicht aber für kleine Objekte. Die Forschenden ordnen den Stein der spätrömischen Zeit zwischen etwa 250 und 476 nach Christus zu und gehen davon aus, dass er nachträglich aus einem Architekturelement geformt wurde.
Um die Spielregeln zu rekonstruieren, setzten die Wissenschaftler das KI-Modell „Ludii“ ein. Dabei ließen sie zwei KI-Agenten auf verschiedenen Spielbrettern gegeneinander antreten. Die Software simulierte mehr als 130 verschiedene Regelwerke, die aus historischen nordeuropäischen Brettspielen bekannt sind. Insgesamt spielten die KI-Agenten Tausende Partien durch.
Die Simulationen ergaben: Nur sogenannte Blockierspiele erzeugten ein Abnutzungsmuster, das den Spuren auf dem Stein entspricht. Bei diesen asymmetrischen Strategiespielen versucht ein Spieler mit mehreren Figuren, den einzelnen oder wenige Steine des Gegners so einzukreisen, dass dieser nicht mehr ziehen kann. Anders als bei römischen Spielen wie Latrunculi, bei denen Steine geschlagen werden, liegt der Fokus hier auf geschicktem Manövrieren.
Bislang galt diese Art von Spielen in Europa als erst seit dem Mittelalter sicher dokumentiert. Die neuen Befunde legen nahe, dass Blockierspiele bereits in der römischen Kaiserzeit existierten – und damit Jahrhunderte früher als bisher angenommen. Ähnliche Blockierspiele wie Haretavl aus Skandinavien oder Gioco dell’Orso aus Italien sind aus späteren Jahrhunderten bekannt und folgen laut der Studie vergleichbaren Regeln.
Das Forschungsteam hat dem rekonstruierten Spiel den Namen „Ludus Coriovalli“ gegeben. Auf einer Projektseite kann es bereits ausprobiert werden.