Politisch ist die FDP kaum noch mehr als eine Randnotiz. Und jetzt steht der Partei auch noch ein Kampf um die Spitze bevor. Das kann nur schwer gut gehen.

Die FDP blickt in den Abgrund. Wieder einmal, nein, immer noch, muss man sagen. Oder ist sie schon hineingestolpert?

Abschließend beurteilen lässt sich das vermutlich erst in einiger Zeit, mit etwas mehr Abstand. Stand heute ist nur so viel klar: Ist die FDP nicht jetzt schon tot, wie es der Kanzler kürzlich sagte, dann könnte sie es spätestens Ende Mai sein.

Dann nämlich, auf dem Bundesparteitag, droht der einst so stolzen liberalen Partei das, was beim Wähler noch schlechter ankommen dürfte als die vergeigte Regierungsbeteiligung zu Ampelzeiten: ein Richtungsstreit auf offener Bühne, Kampfkandidaturen um den Parteivorsitz, die so oft metaphorisch zitierte „offene Feldschlacht“, diesmal innerparteilich.

Dafür gesorgt hat Christian Dürr, der aktuelle Parteichef. Dürr sieht in dem Misstrauen, das sich der fast 50-köpfige Bundesvorstand der Partei am Montag selbst ausgesprochen hat, offenkundig nicht zugleich auch ein Misstrauensvotum gegen sich selbst. Zumindest wohl aber kein so großes Misstrauen, dass er geknickt von dannen zieht. Sondern eher eine Möglichkeit für einen abermaligen Aufbruch: Rücktritt? Ja, in Ordnung – aber ich trete sogleich wieder an. Ich denke gar nicht dran, aufzugeben!

Es ist, anders lässt sich es kaum ausdrücken, eine skurrile, ja fast eine grotesk anmutende Situation. In der jüngeren politischen Geschichte Deutschlands jedenfalls sucht ein solcher Move seinesgleichen.

Da schafft es die Offiziersmannschaft auf der Brücke ein Jahr lang nicht, den Kurs des liberalen Kahns neu und erfolgreich auszurichten, da wird dem Dampfer selbst vor seiner Heimatinsel Baden-Württemberg das Ankern verwehrt – und der Kapitän sagt seiner Mannschaft: Ich bleibe an Bord, auf geht’s zu neuen Ufern, ich bin hier noch nicht fertig.

Um für Dürr zu sprechen, ließe sich schreiben: Der Mann hat Nerven. Nerven wie Drahtseile. Der muss echt überzeugt sein: von sich, aber auch von der Sache, für die er steht, für die er eintritt. Das kann man ihm hoch anrechnen.

Man kann aber auch anders über ihn urteilen, und dieser Eindruck drängt sich gerade auf: Hier scheint einer die Lage komplett zu verkennen. Ein Parteichef im Paralleluniversum, voll im eigenen Erneuerungsfilm, frei vom Gespür für den eigenen Laden.

Dass der „Wettbewerb“ um die Parteispitze – dieser Euphemismus liegt bei den Liberalen nahe –, die Personaldebatte, in den nächsten Wochen der FDP mehr schaden als nutzen dürfte, liegt auf der Hand. Andererseits: Viel mehr kaputtgehen kann jetzt sowieso nicht mehr, so schlecht stehen die Freidemokraten in den Umfragen da.

Richtig interessant wird das Ganze denn auch erst, wenn klar ist, wer gegen Dürr ins Feld zieht. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Europa-Chefin der Liberalen? Henning Höne, der weitgehend unbekannte Vorsitzende der NRW-Landtagsfraktion? Ein Duo aus beiden? Jemand völlig anderes?

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