Die weltweite Situation zeigt eindeutig: Wir müssen weg von den Fossilen. Es ist schlicht falsch, dass diese günstiger sind als die Erneuerbaren. Aber wir haben in den vergangenen 20 Jahren nicht genug Netze ausgebaut, damit der Strom aus den Erneuerbaren in die großen Verbrauchszentren kommt. Außerdem: Der Strompreis muss runter. Die Stromsteuer ist das eine. Wir brauchen auch den Industriestrompreis, also einen staatlich festgelegten oder subventionierten Stromtarif für energieintensive Unternehmen. Der kommt leider jetzt erst und ist bis 2028 begrenzt. Drei Jahre sind aber für die Planungssicherheit der Unternehmen zu wenig.
Der Ausbau der Netze ist sehr teuer.
Ja, das stimmt. Diese Kosten werden derzeit als Bestandteil des Strompreises auf Industrie und Bürger umgelegt. Das halte ich für falsch. Stattdessen sollten wir dafür den Klima- und Transformationsfonds nutzen, um Netzentgelte dauerhaft zu senken.
Ist Deutschland beim Ausbau der Erneuerbaren zu schnell gewesen – ohne Netze, Speicher und Infrastruktur ausreichend mitzudenken?
Der Ausbau der Erneuerbaren war nicht zu schnell. Andersherum wird ein Schuh draus. Beim Ausbau der Netze wurde einfach nicht genug getan. Jahrelang wurde darüber gestritten, ob neue Stromleitungen über Masten oder unter der Erde gebaut werden sollen – diese Diskussionen lähmen. Wir brauchen aber Tempo.
Aber war das dann nicht auch ein Fehler des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck?
Der Ausbau der erneuerbaren Energien war definitiv kein Fehler – sonst wären wir heute nicht bei einem Anteil von rund 60 Prozent am Strommix. Beim Netzausbau hätten alle mehr machen können und müssen, auch schon vor der Ampel. Und die jetzige Regierung bremst sogar. Das beste Beispiel dafür ist das geplante Netzpaket von Ministerin Reiche, das die Energiewende gefährdet.
Sind aktuell nicht negative Strompreise ein großes Problem? Ministerin Reiche hat doch einen Punkt, wenn sie sagt: Der Staat kann keinen Strom vergüten, der gerade keinen Marktwert hat.
Ein negativer Strompreis entsteht, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt. Dann müssen die Stromerzeuger dafür Geld zahlen, dass ihnen Strom abgenommen wird. Aber das liegt doch am mangelnden Netzausbau und an fehlenden Speichern. Was mich dabei stört: Wir reden über nicht genutzten Strom. Aber den könnten wir ja nutzen oder speichern. Dafür brauchen wir die Digitalisierung mit Smart Metern, also intelligenten Stromzählern, damit Strom flexibel dann verbraucht werden kann, wenn er im Überfluss da ist, wenn die Sonne scheint und der Wind weht.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt stark auf neue Gaskraftwerke als Absicherung für Dunkelflauten, spricht von einer „Lebensversicherung“ und „Versorgungssicherheit“. Ist das nicht notwendiger Pragmatismus?
