
Am Stacheldrahtzaun flüsterte Friedel Eddy zu, was in ihrem Block geschah. Schockiert erzählte sie die Geschichte von zwei jungen Griechinnen. „Diese jungen Frauen wurden einem elektrischen Feld mit Ultraviolettstrahlung ausgesetzt – je eine Platte auf Bauch und Po –, das ihnen die Eierstöcke versengt hat. Sie bekamen außerdem schreckliche Wunden vom elektrischen Strom und hatten furchtbare Schmerzen. Hatten sie das überstanden, wurden sie operiert, um nachzuschauen, wie der Unterleib, vor allem aber die Eierstöcke, genau versengt wurden.“ Anderen wurde eine „weiße, zementartige Flüssigkeit eingespritzt“, die sie sterilisieren sollte. Würde Friedel diesem Schicksal entkommen können?
Als die Rote Armee immer weiter nach Westen vorrückte, brach unter den Nazis Panik aus. Als die Front nur noch 150 Kilometer entfernt war, läutete der Gong zur Evakuierung. Die SS trieb alle zusammen, die laufen konnten und im Lager entbehrlich waren. Der Rest blieb in Auschwitz. Unter ihnen auch Eddy. Er versteckte sich unter den Kranken. Doch Friedel wurde auf einen Gewaltmarsch getrieben. Eddy blieb wie betäubt zurück. Zwei Jahre lang hatten sie gemeinsam gekämpft. Und trotz allem immer wieder zueinander gefunden. Aber jetzt?
In den Tagen nach der Flucht der SS erlebte Eddy eine seltsame Welt: In Auschwitz konnte man kommen und gehen, wie es einem beliebte. Keine einzige Wache war zurückgeblieben. Zusammen mit anderen Insassen traute sich Eddy bis nach Birkenau vor, wo viele Frauen zurückgelassen worden sein sollten. Doch auf das, was sie dort erwartete, war niemand vorbereitet. Als sie eine Baracke betraten, stockte ihnen der Atem, und die Beine verweigerten ihren Dienst. Vom Anblick des „Lagerhauses vollgestopft mit Menschen, die weder tot noch lebendig waren“, wurde ihm schwindelig. „Unglückselige Lebende und glückliche Leichen“, nannte er sie erschüttert in seinen Notizen.