Die wahre Geschichte des Lale Sokolov

Eines Tages verschwand Lales Lehrmeister jedoch. Der junge Slowake sollte nie erfahren, was aus ihm geworden war. Doch nun brauchte das Konzentrationslager einen neuen Haupttätowierer – und Lale rückte nach. Die neue Position verdankte er nicht zuletzt seinen Sprachkenntnissen, vermutete er später. Neben seiner Muttersprache beherrschte Lale ein bisschen Deutsch, Russisch, Französisch, Ungarisch und Polnisch.

Fortan arbeitete er für den politischen Flügel der SS. Dokumente aus dem KZ belegen seine Erzählungen. Seine Rolle als Tätowierer verschaffte ihm im Lager einige Privilegien: Er erhielt zusätzliche Rationen, durfte in einem Einzelzimmer schlafen und hatte sogar gelegentlich freie Zeit. „Dennoch hat er sich selbst nie als Kollaborateur betrachtet. Er tat das, was er getan hat, um zu überleben“, sagte Heather Morris in einem Interview mit der BBC über ihn. Sie erinnerte sich an seine Worte. „Du hast genommen, was auch immer dir angeboten wurde. Du hast es genommen und warst dankbar, weil es bedeutete, dass du am nächsten Morgen aufwachst.“

Doch trotz der Privilegien war Lales Alltag von ständiger Angst geprägt. Besonders Josef Mengele, berüchtigt für seine grausamen Experimente, machte ihm das Leben zur Qual. Immer wieder soll Mengele Lale gedroht haben. „Oft schlich er sich von hinten an ihn heran, während er leise eine Opernmelodie vor sich hin pfiff, und versetzte ihm einen Schauer des Schreckens“, schreibt Heather Morris in ihrem Buch. „Eines Tages, Tätowierer, werde ich dich nehmen“, soll Mengele immer wieder gesagt haben. Für Mengele war Lale nichts weiter als ein potenzielles Versuchskaninchen.

Und so senkte Lale seinen Kopf, genau wie sein Mentor es ihm beigebracht hatte, und tätowierte Nummer für Nummer in die Haut unzähliger Gefangener. Jede dieser Prozeduren war ein weiterer Akt der Demütigung und Entmenschlichung, die die Häftlinge bereits bei ihrer Ankunft über sich ergehen lassen mussten. Ab diesem Zeitpunkt benutzten die Gefangenen offiziell nicht mehr ihre Namen, sondern nur noch ihre Nummern.

Im Juli 1942 sollte Lale eine weitere Nummer tätowieren: 34902 lauteten die fünf Ziffern. Er hielt den dünnen Arm eines Mädchens in den Händen. In dem Moment, als er ihre Nummer auf ihren linken Arm tätowierte, tätowierte er ihre Nummer in sein Herz, erzählte er Jahre später. Es war der Anfang einer großen Liebe. Das Mädchen hieß Gita, eine Gefangene des Frauenlagers Birkenau. Von diesem Tag an setzte Lale alles daran, ihr das Leben im Lager ein wenig erträglicher zu machen: Er schmuggelte heimlich Briefe zu ihr, arrangierte geheime Treffen, gab ihr zusätzliche Rationen und sorgte dafür, dass sie eine leichtere Arbeit bekam. Gitas Nähe wurde zu seinem Licht in der Dunkelheit.

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