„German Angst“ – die deutsche Angst

Ein Gefühl, das Deutschland prägt?


27.03.2025 – 15:08 UhrLesedauer: 2 Min.

„Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (entstanden um 1818) vom deutschen Maler Caspar David Friedrich. (Quelle: DEA PICTURE LIBRARY/getty-images-bilder)

Was macht die Deutschen so vorsichtig? Warum herrscht oft mehr Skepsis als Aufbruchsstimmung? Besonders im angelsächsischen Raum ist oft die Rede von der „German Angst“ – was hat es damit auf sich?

Die Angst vor dem Ungewissen ist kein neues Phänomen. Bereits in den 1990er-Jahren wurde „German Angst“ als Begriff etabliert, um die Zurückhaltung Deutschlands in wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen zu erklären. Die „German Angst“ bezeichnet eine unbegründete Angst oder Sorge – und besonders im englischsprachigen Raum wird diese als typisch deutsch betrachtet.

Das Haus der Geschichte in Bonn widmete dem Thema 2019 sogar eine Ausstellung und fragte: „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ Auch bei der Betrachtung der Bilder von Caspar David Friedrich, dem deutschen Maler der Romantik, kann man sich die Frage stellen, ob dieses Gefühl der Ungewissheit und Angst irgendwie mit Deutschland verbunden sein könnte.

Doch das Konzept reicht nicht so weit zurück wie die Bilder von Caspar David Friedrich: Historiker und Psychologen verweisen auf die traumatischen Erlebnisse des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Weltkriege, die NS-Diktatur und den Kalten Krieg. Diese Ereignisse haben das kollektive Sicherheitsbedürfnis und die Skepsis gegenüber tiefgreifenden Veränderungen verstärkt.

Der Begriff „German Angst“ wurde in den englischsprachigen Wortschatz übernommen, weil er eine spezifisch mutmaßlich deutsche Form der Furcht vor Unsicherheit beschreibt. Während andere Länder Unsicherheiten oft als Teil des Fortschritts akzeptieren, neige man in Deutschland dazu, Risiken möglichst zu vermeiden. Diese Haltung zeige sich in vielen Bereichen – von der Politik über die Wirtschaft bis hin zum Alltag. Die Zurückhaltung gegenüber schnellen technologischen Entwicklungen oder tiefgreifenden Reformen sei ein Ausdruck dieses Sicherheitsdenkens, das international oft als Hemmnis gesehen wird.

Der Begriff „Angst“ ist in der englischen Sprache allerdings schon länger verankert und bezeichnet ein Gefühl von großer Sorge oder Angst. Vermutlich reicht die Einführung dieses Wortes in die englische Sprache auf den weltberühmten dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813–1855) zurück. Dieser brachte den Begriff „Angst“, der vorher nur im Niederländischen und Deutschen aufzufinden war, in seine Philosophie ein. Heidegger, Sartre und Jaspers verwendeten den Begriff dann weiter und verhalfen ihm somit zu Weltruhm.

In vielen Ländern gilt Deutschland als wirtschaftlich stark, aber entscheidungsschwach. Während die USA oder China Innovationen und technologische Fortschritte oft mit hoher Geschwindigkeit vorantreiben, wird Deutschland als zögerlich und risikoscheu wahrgenommen. Besonders in der Energiepolitik, Digitalisierung oder Verteidigungspolitik wird Deutschland von internationalen Partnern als langsam und übervorsichtig betrachtet.

Kritiker werfen Deutschland vor, große Chancen zu verpassen. Während andere Nationen schneller auf neue Technologien setzen, wird in Deutschland oft lange debattiert und abgewogen. Diese Haltung führte beispielsweise zur Energiewende, die international teils als überhastet und teils als richtungsweisend betrachtet wird.

„German Angst“ wird im Ausland oft belächelt, doch sie hat auch positive Seiten: Sorgfalt und Risikobewusstsein führen zu hohen Sicherheitsstandards und stabilen Strukturen. Doch zu viel Vorsicht kann Innovationen ausbremsen und Deutschland als Wirtschaftsstandort unattraktiv machen. Gerade in einer sich wandelnden Welt bleibt die Herausforderung bestehen, zwischen berechtigter Skepsis und mutigem Fortschritt die richtige Balance zu finden.

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