Zverev, der 1,98 Meter große Hüne mit dem wallenden blonden Haar und den Goldketten um den Hals, ist kein extrovertierter, umarmender Menschenfänger, kein stets gut gelaunter Strahlemann wie Carlos Alcaraz, kein genialischer Entertainer wie Novak Djoković. Nicht selten macht er in Interviews sogar den Eindruck, er wäre gerade überall anderswo lieber.
Das Zeitfenster drohte, sich zu schließen
Manchmal entstand dieser Eindruck sogar auf dem Platz. Wenn er nach starkem Start plötzlich Fehler um Fehler produzierte, mit sich selbst haderte, unzufrieden war. Wenn er auch mal ausrastete, Schläger zertrümmerte, sich Verwarnungen durch die Stuhlschiedsrichter einhandelte. Wenn er komfortable Führungen unergründlich noch abgab, Siege verspielte. Immer wieder so nah dran schien – und doch noch verlor. „Wenn es jemanden gibt, dem ich einen Grand-Slam-Titel gewünscht habe, dann dir“, sagte Cobolli wohl auch deshalb am Sonntag bei der Siegerehrung.
Und bei diesen French Open in Paris, seinem ohnehin besten der vier Major-Turniere, bei dem er schon viermal mindestens im Halbfinale stand, lief tatsächlich alles für ihn, wurde ihm aber auch nicht geschenkt. Runde um Runde bezwang er mal mehr, mal weniger unangenehme Gegner, ließ sich nicht düpieren, hielt dem Druck stand. Endlich. Auch die schwerste Prüfung im Finale meisterte er. Ein Kraftakt, Zverev kämpfte, dehydriert, mit durch den Flüssigkeitsverlust sichtbaren weißen Salzflecken vom Schweiß im dunkelblauen T-Shirt.
Und: Er zeigte sich auch spielerisch und taktisch gereift, vielleicht seine größte Leistung über den Turnierverlauf. Scheiterte Zverev früher nicht nur mental, sondern auch aufgrund fehlender Variabilität in kritischen Situationen an sich selbst, spielte er nun ungekannt vielseitig, intelligent, mit Erfahrung. Die Rolle des Topfavoriten, nachdem Titelverteidiger Carlos Alcaraz verletzungsbedingt gar nicht dabei war und sowohl Jannik Sinner als auch Djoković früh ausgeschieden waren, nahm er an. Er war es, den es zu schlagen galt, der aber auch am meisten zu verlieren hatte.
