
„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ So lautete einmal ein Werbeslogan der Deutschen Bahn. Heute verursacht schon ein kleiner Wintereinbruch erhebliches Chaos. Was läuft schief?
Ein paar Flocken fallen, die Temperaturen sinken knapp unter 0 Grad – und schon kapituliert die Deutsche Bahn. So war es Anfang Januar, als Schneesturm „Elli“ über das Land zog und die Bahn in ganz Norddeutschland den Betrieb einstellte. Und so war es diese Woche dank Tief „Leonie“ wieder – Weichenstörungen, vereiste Oberleitungen und Schneeverwehungen setzten den Bahnverkehr außer Gefecht.
Aber: Geht es wirklich nicht anders? Ist die Bahn tatsächlich machtlos, sobald sich der Winter einmal mit ein bisschen Eis und Schnee meldet?
„Nein, natürlich nicht“, sagt Detlef Neuß. Er ist Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn und kann sich an ganz andere Zeiten erinnern. Im Winter 1978/79, da war Neuß Mitte 20 und musste für seine Arbeit als Mediengestalter täglich von Mönchengladbach nach Düsseldorf pendeln, versank die Republik unter wahren Schneemassen. Viele Orte waren von der Außenwelt abgeschnitten, Verwehungen türmten den Schnee meterhoch. 40.000 Ferkel und Kälber erfroren, auch Menschen starben: Noch im Mai wurde auf Rügen nach dem Abtauen des letzten Schnees eine Leiche gefunden.
„Mit dem Auto war es damals fast unmöglich, zum Bahnhof zu kommen“, erzählt Neuß t-online am Telefon. „Aber der Zug fuhr. Da funktionierte es noch.“
Woran es liegt, dass jeder Winter der Deutschen Bahn heute so sehr zu schaffen macht, und wie es wieder besser werden könnte, davon hat Neuß als Eisenbahnfreund sehr klare Vorstellungen. Mit einer Analogie erklärt er, woran es hapert: „Wenn Sie mit einem gepflegten Auto und Winterreifen durch den Schnee fahren, dann kommen Sie an“, sagt er. „Mit Sommerreifen nicht.“
Wo das Auto Winterreifen braucht, benötigen Züge dem Pro-Bahn-Bundesvorsitzenden zufolge Räumfahrzeuge. Ein neidvoller Blick über die Grenze: „In der Schweiz schickt die Rhätische Bahn vor Betriebsaufnahme die Schneefräse los, in Österreich genau das Gleiche“, erklärt Neuß. „Nur in Deutschland nicht – hier wurden die Räumfahrzeuge im Zuge der Bahnreform stillgelegt.“ Sie weiterhin zu unterhalten, erschien zu teuer.
Sparzwänge lassen laut Neuß auch die Weichen einfrieren. Für Nordrhein-Westfalen habe ihm die Deutsche Bahn zwar einmal mitgeteilt, dass 75 Prozent der Weichen Heizungen hätten. Aber, so Neuß: „Wenn der Zug nach Betriebsschluss auf einem Abstellgleis steht und nachts genau diese eine, unbeheizte Weiche einfriert, dann kommt der Zug morgens nicht in den Bahnhof.“ Daher brauche eigentlich so ziemlich jede Weiche eine Heizung.