Christian Wolf verspricht Millionen Followern einen Weg zu einem schlankeren und vermeintlich besseren Leben. Doch rund um „More Nutrition“ ist eine Welt entstanden, in der Kritik schnell als Angriff erscheint.

Heute melde ich mich mit einer ganz fantastischen Nachricht bei Ihnen: Ich kenne das Mittel, das Ihnen nicht nur Unsterblichkeit garantiert, sondern auch ewige Jugend plus die Weltherrschaft. Drunter mach ich’s nicht, denn der Hype ist wirklich vielversprechend.

Das Mittel lautet: Proteine. Klingt etwas übertrieben? Meine Timeline auf Instagram suggeriert jedenfalls die schier magische Wirkung von Eiweißen, und auch Teile meines persönlichen analogen Umfeldes haben inzwischen jeden gesunden Menschenverstand verloren und ernähren sich, als wären sie Profi-Bodybuilder. Und dahinter steckt ein perfides System – inklusive einer Person, die die Mechanismen des Marktes perfekt für sich auszunutzen vermag.

(Quelle: Reinaldo Coddou H.)

Zur Person

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politikberichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Instagram – wo sie über 18.000 Follower hat. Ihr Buch „Die Shitstorm-Republik“ ist überall erhältlich. Bei t-online schreibt sie jeden Mittwoch die Kolumne „Im Netz“. Mehr zu Nicole Diekmann.

Schlank, dynamisch und vor allem gesund – keine Frage, all das möchte ich auch
sein. Wer nicht? Nur: nicht um jeden Preis. Im wahrsten Sinne des Wortes. Anderen geht es da anders, sehe ich täglich beim Scrollen.

Fast Food mit Heilsversprechen

Einer der zentralen Akteure, um den man in den sozialen Medien kaum herumkommt: „More Nutrition“. Das Unternehmen verkauft nicht nur Nahrungsergänzungsmittel, sondern auch Pizza, Eis und Kuchen – zu einem deutlich höheren Preis als dem für herkömmliche Produkte aus dem Supermarkt. Die Firma wirbt mit dem zentralen Fiebertraum unserer Gesellschaft für sich: „Genuss ohne Reue“, Essen ohne anschließende Angst vor dem Schritt auf die Waage – auch wenn es Fast Food ist.

„More Nutrition“ ist ein Unternehmen, das Menschen scheinbar dermaßen dankbar und
glücklich macht, dass sie sich wie eine Sekte hinter der Marke scharen und im Social Web als glühende Anhänger zu erkennen geben – inklusive selbstproduzierter KI-Songs zu Ehren der Marke.

Was Leute da in ihren Schränken horten und stolz vor der Kamera präsentieren, dürfte
grob überschlagen dem Jahreseinkommen eines durchschnittlich verdienenden Facharbeiters in Deutschland entsprechen. Da sind Packungen mit Shake-Pulver, Riegel, Chipstüten, Pizza zu sehen – Lebensmittel, die in auf Selbstoptimierung fixierten Haushalten eigentlich tabu sind. Sie alle gelten eigentlich als Mahlzeiten, die unter „Sünde“ fallen in Zeiten, in denen Dicksein entweder ein Zeichen von charakterlicher oder aber von finanzieller Schwäche ist. Aber gegen Übergewicht gibt es ja schließlich die Abnehmspritze – und es gibt „More Nutrition“.

Ein Unternehmen, Hunderte Millionen Umsatz, erfunden von einem Mann Anfang 30, der nach eigenen Angaben drei Studiengänge abgebrochen, seine Ernährungsexpertise über Facebook sowie über Gespräche mit Fachleuten erlangt hat und heute nicht mehr arbeiten muss. Er fühlt sich vermutlich geschmeichelt, wenn das Handelsblatt ihn als „polarisierend“ bezeichnet. Denn andere würden sagen: Christian Wolf hat sich nicht im Griff.

Ein charismatischer Chef, der Kritik nicht aushalten kann

Der angeblich ehemals Dicke lebt nicht nur die so beliebte Geschichte vom hässlichen Entlein, das sich aus eigener Kraft zum schönen Schwan entwickelt hat, sondern hat auch modernes Marketing perfektioniert. Wolf sammelt auf seinem persönlichen Instagram-Account 1,8 Millionen Menschen als Follower. Und gewährt dort verschiedenste Einblicke in sein Leben: Er zeigt seine Frau, seine kleine Tochter, den Hund, die Oma, sich selbst im Auto, kurz mal ein paar Infos zur Firma, nie overdressed, nie steif in der Ansprache. „Über 15 Kilo abgenommen“, schreibt er da über sich. Und: „Über 700 TSD Menschen dabei geholfen“. Gut, 15 Kilo sind jetzt nicht die Welt im Vergleich zu den Werten, die manch anderer ehemals Übergewichtige vorweisen kann; trotzdem sind das Zahlen, auf die Wolf stolz sein kann, keine Frage.

Share.
Die mobile Version verlassen