Radikal, brutal, gnadenlos: Zunächst wurden Adolf Hitler und seine Winzpartei NSDAP gefürchtet und verspottet, dann gelang den Nazis 1930 ein Wahltriumph. Wir müssen dringend herausfinden, wie das möglich war, fordert Philosoph Philipp Ruch.
Am 14. September 1930 erlitt Deutschland einen Schock: Die Nazis, bekannt und berüchtigt für Gewalt, Rassismus und Skandale, triumphierten bei der Reichstagswahl. Und wurden zur zweitstärksten Partei. 107 statt vormals 12 Abgeordnete der NSDAP konnten nun das Ende von Republik und Demokratie verfolgen. Wie gelang den Nazis dieser Erfolg?
Das ist unbekannt, sagt Philipp Ruch, politischer Philosoph und künstlerischer Leiter des „Zentrum für politische Schönheit“. Und findet dieses Nichtwissen umso gefährlicher in Zeiten des Aufstiegs der AfD. Um den Gründen für den Erfolg der NSDAP am 14. September 1930 nachzuforschen, hat Ruch sein Buch „Der Rückfall“ geschrieben. Im Interview erklärt Ruch, was er herausgefunden hat und weshalb er die Gefahr des Faschismus für gefährlich aktuell hält.
t-online: Herr Ruch, wie oft gibt es Sie eigentlich?
Philipp Ruch: Nur einmal, soweit ich weiß. Worauf wollen Sie hinaus?
Sie treten in unterschiedlichen Funktionen auf: Mit dem „Zentrum für Politische Schönheit“ setzen Sie als Aktivist auf polarisierende Protestkunst, zugleich haben Sie mit Ihrem Buch „Der Rückfall“ ein analytisch tiefschürfendes Buch zum Aufstieg der NSDAP in der späten Weimarer Republik veröffentlicht.
Ich sehe mich nicht als Aktivisten. In jedem anderen Jahrhundert wäre ich wahrscheinlich Schriftsteller geworden. Aber ich habe eben das Glück – oder Pech – in dieser Zeit zu leben. Mit dem „Zentrum für Politische Schönheit“ formuliere ich unsere politischen Dilemmata, aber Bücher sind genauso wichtig. Für „Der Rückfall“ bin ich zurück zu der Frage gereist, wie der Nationalsozialismus möglich wurde. Die NSDAP musste sich ja als Partei in einer Demokratie durchsetzen.
Dort spüren Sie nun einem besonderen historischen Ereignis nach – und zwar der Reichstagswahl vom 14. September 1930, in der die vormalige Zwergpartei NSDAP ihren Stimmenanteil von 2,63 auf 18,3 Prozent steigern konnte. Warum dieser Fokus?
Dieser Triumph der NSDAP ist bis heute ein großes Rätsel. Bis zu der Wahl galt die NSDAP in der allgemeinen Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit als eine Splitterpartei von Rassisten mit Menschenzüchtungsplänen und einem verstörenden Gewaltkult. Über diesen Eindruck herrschte ein breiter Konsens. Bei der Reichstagswahl 1928 holten die Nazis 12 Abgeordnete, 1930 waren es plötzlich 107. Selbst Hitler konnte es nicht fassen. Joseph Goebbels, der Großmeister der propagandistischen Übertreibung, war völlig baff.
Zur Person
Philipp Ruch, geboren 1981, ist promovierter Philosoph, Aktionskünstler und künstlerischer Leiter des Künstlerkollektivs „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS), das er 2008 gegründet hat. Ruch ist Autor mehrerer Bücher, darunter die Bestseller „Schluss mit der Geduld“ und „Es ist 5 vor 1933„. Kürzlich erschien Ruchs neues Buch „Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930“ im Heyne Verlag.
