
Charleroi in Belgien
Das wurde aus der „hässlichsten Stadt der Welt“
Aktualisiert am 23.01.2026 – 16:34 UhrLesedauer: 2 Min.
Charleroi galt lange als trostloses Überbleibsel industrieller Blüte. Heute lockt die belgische Stadt als morbides Touristenziel wagemutige Urbex-Begeisterte und kreative Köpfe an.
Bier, Pommes, Waffeln, historische Städte, die EU und die NATO – Belgien ist für so einiges bekannt. Doch zu den Sehenswürdigkeiten und kulinarischen Spezialitäten gesellt sich noch eine weniger schöne Auszeichnung. Belgien beherbergt nämlich auch die „hässlichste Stadt der Welt“.
Charleroi ist eine Stadt in der Region Wallonie im Süden Belgiens. Einst war sie das industrielle Herz Belgiens – vor allem bekannt für Kohleabbau, Stahlproduktion und Glasherstellung. Doch in den 1970er- und 1980er-Jahren ging es mit der Industrie langsam bergab.
Die Folge: immer mehr Fabriken mussten schließen, es gab zunehmend Leerstand und die Gebäude rotteten und rosteten mit der Zeit vor sich hin. Der riesige, verlassene Industriekomplex wirkte irgendwann wie die Kulisse eines dystopischen Films. Ein Blogger nannte Charleroi im Jahr 2008 dann die „hässlichste Stadt der Welt“. Der Name ist hängengeblieben.
Dabei hat sich Charleroi aber nicht von seinem Image unterkriegen lassen und sich trotz alledem zu einer wahren Touristenattraktion entwickelt. Viele kommen, um gerade den morbiden Charme der verfallenen Fabriken zu erleben. „Urban Exploration“ (dt. „urbane Erkundung“, kurz „Urbex“) wurde in den vergangenen Jahren immer beliebter. Auf Plattformen wie YouTube finden sich zahlreiche Videos von „Urbexern“, die verlassene Wohnhäuser, Fabriken oder ganze Städte erkunden. Einige bekannte „Urbexer“ haben Millionen Zuschauer. Wie es in der Stadt aussieht, können Sie in der Bildergalerie entdecken:
Charleroi ist geradezu gemacht für diese Art von Tourismus. Inzwischen gibt es sogar geführte Touren durch die verlassenen Orte in der ehemaligen Industriemetropole. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Tour „Charleroi Adventure“: ein geführter Rundgang durch das postindustrielle Erbe, bei dem Besucher mit Helmen und Karten auf Erkundungstour geschickt werden. Das Ziel: nicht beschönigen, sondern neugierig machen.
Auch der Stadtkern von Charleroi ist ein Spiegelbild seiner Geschichte und seines Umbruchs. Er wirkt auf den ersten Blick oft widersprüchlich: Hier treffen der Betonbaustil Brutalismus, Leerstand und Baustellen auf aufpolierte Fassaden, Kunstprojekte und neue Grünflächen. Seit Jahren wird in Charleroi gebaut und saniert. Trotzdem gibt es noch immer jene Ecken und Kanten, denen die Stadt ihr Image verdankt.
Inzwischen zieht es junge Kreative, Künstler und Unternehmer wieder vermehrt nach Charleroi. Niedrige Mieten, viel Raum zur Entfaltung und eine Szene, die sich erst noch selbst erfindet – all das macht die Stadt für jene interessant, denen Brüssel oder Antwerpen zu teuer und zu glatt geworden sind.