Noch immer herrscht Unklarheit über die Gesundheit des Torwarts. Das hätte vermieden werden können, meint t-online-Experte Stefan Effenberg. Und sieht eine große Gefahr.
Kürzlich fragte mich jemand in einem Gespräch, wo ich denn die größte Baustelle in der deutschen Mannschaft sehen würde. Ich antwortete: im Tor. Man muss sich das doch nur mal vorstellen: die endlosen Diskussionen und Spekulationen, das endlose Hin und Her um das Comeback von Manuel Neuer in den vergangenen Wochen und Monaten. Dann steht die Entscheidung fest – und Neuer fällt verletzt für das DFB-Pokalfinale aus, hat seitdem kein Spiel mehr gemacht.
Ob er beim WM-Auftakt gegen Curaçao im Tor steht? Wir wissen es noch nicht endgültig, obwohl es zuletzt wohl gut aussah, er konnte mit der Mannschaft trainieren. Aber so eine lange Unklarheit darfst du dir bei einer Weltmeisterschaft nicht leisten. Dass der unwürdig degradierte Oliver Baumann jetzt in den letzten Tests einspringen musste, auch noch wie üblich gut gehalten hat, der Bundestrainer aber trotzdem – wenn nötig – bis zur allerletzten Sekunde warten will, ob Neuer nicht doch noch fit wird, ist der Gipfel. Dabei wird sich Baumann auch komisch fühlen.
Diese Unsicherheit trägt die deutsche Mannschaft nun ins Turnier mit sich: Kann er zum Auftakt spielen – und hält auch durch? Schafft Neuer es vielleicht erst zum zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste? Muss Baumann irgendwann wieder einspringen? Natürlich würde er das professionell tun, aber das absolute Vertrauen in den Bundestrainer wird er nicht mehr haben. Sein Interview nach dem USA-Spiel, als er offen zugab, die Situation um die Neuer-Rückkehr sei „nicht cool“ gewesen, sprach Bände.
Dann zählen keine Verdienste aus der Vergangenheit
Und auch ich habe da einfach Bauchschmerzen, wenn ich auf diese Situation blicke. Und das Schlimmste daran: Das haben Nagelsmann und Neuer selbst zu verantworten. Sie tragen die Verantwortung. Deutschland nimmt tatsächlich eine Baustelle mit in eine Fußball-WM. Und das kann und darf nicht sein. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Neuer geht derweil noch ein weiteres Risiko ein. Er ist einer von einigen großen Namen, für die diese WM wohl der letzte ganz große Auftritt wird. Kurioserweise sind sie aktuell in vergleichbaren Situationen: Lionel Messi bei Argentinien, Cristiano Ronaldo bei Portugal, Luka Modrić bei Kroatien. Bei allen dreien brauchen die Teamkollegen eigentlich gar keine zusätzliche Motivation, alles für sie zu geben, um ihnen einen erfolgreichen Abschied zu ermöglichen. Die werden sich alle für sie zerreißen.
