
Viele Ihrer Kolleginnen klagen, für Frauen ab einem gewissen Alter gäbe es kaum noch Rollen. Erleben Sie das auch?
Ich habe das Glück, dass ich ein sehr spezieller Typ bin und deshalb ein viel größeres Einsatzfeld als manche andere Schauspielerinnen habe. Dennoch merke auch ich, dass die Rollen weniger geworden sind. Für mich persönlich ist das aber nicht so schlimm, weil ich viele andere Interessen und Projekte habe. Wenn ich nur Schauspielerin wäre, könnte ich nicht überleben.
Der Beruf ist unberechenbar. Es gibt wenige Festanstellungen, keine dauerhaften Verträge. Man muss sich von einem Projekt zum nächsten hangeln. Deswegen herrscht in dieser Branche grundsätzlich eine große Unruhe. Ohne eine gewisse Resilienz schafft man es nicht. In meinen 35 Jahren als Schauspielerin wurde ich sehr oft wegen meiner hohen Belastbarkeit gebucht. Schauspielerei ist meine große Liebe, und das hat mich leidensfähig und belastbar gemacht. Aber ich bin froh, dass ich mehrere Standbeine habe. Ich bin jetzt 61 Jahre alt – ich könnte die Unsicherheit nervlich nicht mehr aushalten.
Was machen Sie neben der Schauspielerei?
Ich habe Sozialarbeit und Pädagogik studiert. Meine Schauspiellehrer meinten damals, ich soll das Studium bloß abschließen. Mir hat der Diplom-Titel früher nie etwas bedeutet. Heute bin ich dafür dankbar. Dadurch habe ich den Sprung zum Coaching geschafft und meine Erfahrungen als Schauspielerin helfen mir dabei zusätzlich: Ich weiß, wie es ist, Absagen zu kassieren, trotzdem den Glauben an sich aufrechtzuerhalten und perspektivisch planen zu müssen. Ich habe das alles mehrfach durchgemacht.
Das war für mich eine Art Therapie.
Regine Hentschel
Klingt, als hätten Sie Existenzängste erlebt?
Ja, schon zweimal. Einmal war es ganz schlimm. Ich hatte als Coach für einen Bildungsträger gearbeitet, der pleiteging. Das Geld blieb mit einem Mal aus. Ich war verzweifelt. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Dann kam durch Zufall das Casting für einen Werbefilm rein und ich habe meine ganze Verzweiflung, meine Wut und Angst in meine Improvisation gelegt. Sie haben mich genommen, weil sie genau das haben wollten. Das war für mich eine Art Therapie – aber auch mein Ausweg aus der Existenzkrise.