Autotest

Mit Luxus und Hightech: Nio ET9 setzt Oberklasse unter Druck

Aktualisiert am 27.03.2025 – 10:08 UhrLesedauer: 4 Min.

Wie First-Class-Fliegen am Boden: Der Tester ist vom Fahrkomfort des Nio ET9 begeistert. (Quelle: Nio/dpa-tmn/dpa-bilder)

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Mit dem ET9 will Nio Klasse statt Masse beweisen: Er bringt ein wahres Wunderfahrwerk mit, das selbst Bordsteinkanten nicht ausbremsen. Nur ein Hindernis bleibt.

Ihre Stückzahlen sind bislang noch klein, doch umso größer sind ihre Ambitionen. Denn zehn Jahre nach dem Start will die China-Marke Nio jetzt die Oberklasse aufmischen und bringt dafür den ET9 ins Rennen. Den Abmessungen nach fährt der elektrische Luxusliner von 5,32 Metern gegen Konkurrenten wie eine Mercedes-S-Klasse oder einen BMW 7er.

Aber wenn es um den Anspruch der Chinesen geht, dann heißen die Wettbewerber Maybach und Bentley. Allerdings haben die zumindest bei uns noch ein bisschen Schonfrist: Während der ET9 daheim in China bereits in diesem Frühjahr zu Preisen ab etwa 100.000 Euro in den Handel kommt, muss das Flaggschiff erst noch ein paar Klippen umschiffen und Hindernisse überwinden, bis es 2026 auch durch Europa fährt. Doch das Warten könnte sich lohnen.

Denn die für dieses Segment eher schlicht und schnörkellos gezeichnete Fließhecklimousine, die sich LED-Orgien genauso spart wie Lametta aus Chrom, lockt mit einem anziehenden Luxus, der angenehm zurückhaltend inszeniert und deshalb umso wohlgefälliger ist.

Elegante Erscheinung: Der Nio ET9 gehört optisch eher zur dezenten Fraktion. (Quelle: Nio/dpa)

Das beginnt beim Ambiente, das nobel, aber nüchtern wirkt und sich anders als bei Mercedes nicht mit einem bunten Feuerwerk auf riesigen Bildschirmen oder bei Bentley mit reichlich analogem Bling-Bling in den Vordergrund spielt.

Statt digitalem Overkill gibt es sorgsam inszenierte und trotzdem vollflächige Displays in einem Cockpit, das wie die Suite eines Design-Hotels wirkt und nicht wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs oder das Herrenzimmer eines schottischen Landschlosses.

Daneben werben die Chinesen bei 3,25 Metern Radstand und nur vier Sitzen mit Platz in Hülle und Fülle und einem Komfort, wie man ihn sonst nur aus dem First-Class-Flieger kennt. Nicht umsonst wird der Rücksitz auf Knopfdruck zur Loungeliege mit Beinauflage, und der Vordersitz spendiert noch zusätzlich eine Fußablage. Außerdem sind natürlich alle vier Sessel beheizt, gekühlt und mit Massagefunktion ausgestattet, es gibt einen Arbeitstisch und sogar einen Safe.

Und wo andere ein Barfach haben, baut Nio fast so was wie eine kleine Küche ein: Nun ja, immerhin bleiben in der Box unter der Mittelarmlehne die Getränke kalt bis minus 2 Grad – und Essen wird auf bis zu 55 Grad erwärmt.

Willkommen in der Lounge: Die Sessel im Nio lassen sich gemütlich umfunktionieren und bieten den Insassen viel Luxus. (Quelle: Nio/dpa)

Vor allem aber will Nio technisch einen Unterschied machen und leistet sich deshalb eine neue Drive-by-wire-Plattform mit SkyRide-Technologie. So nennen die Chinesen die Bodengruppe ihres Flaggschiffs, die eine elektronische Lenkung ohne mechanische Verbindung hat, die Hinterräder mit oder gegen die Fahrtrichtung einschlagen kann.

Zudem verfügt sie über eine rasend schnelle Hydraulik-Federung mit 48-Volt-Aktoren. Heißt: 1.000-mal pro Sekunde wird neu berechnet. Sie kann jedes Rad heben und senken – um bis zu 20 Zentimeter. Das Fahrwerk lässt Bodenwellen wie weggebügelt wirken und ignoriert Querfugen oder Schlaglöcher.

Temposchwellen verlieren ihren Schrecken und selbst Bordsteinkanten spürt man kaum. Sogar zwei Plattfüße bei hohem Tempo führen nicht zu Turbulenzen. Sondern rasend schnell soll die adaptive Federung den Höhenunterschied ausgleichen und ungerührt fährt die Limousine weiter geradeaus, bis der Fahrer sie abgebremst hat.

Statt in den Polstern herum geschaukelt zu werden, wähnt man sich deshalb wie bei einem Flug auf Flughöhe Null und schwebt wie über den Wolken durch den dichten Feierabendverkehr. Dabei nutzt der ET9 nicht nur Kameras und Radarsensoren, sondern auch eine Cloud-Datenbank, in der die gesamte Nio-Flotte zumindest in China jede Unebenheit speichert, über die ein Auto der Marke jemals gerollt ist.

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