Bundestrainer vor schwerer Handball-EM unter Druck

Es war der erste deutliche Rückschritt unter Gíslason – und der Bundestrainer bekam prompt Gegenwind. Zu ideenlos, statisch und wenig flexibel habe er die Mannschaft spielen lassen, hieß es vonseiten der Kritiker. In der Offensive waren die Außenspieler nicht erst seit der WM 2025 fast gänzlich abgemeldet.

Auch vor dem Beginn der EM zog Gíslason Kritik auf sich. Der Grund: Der Bundestrainer ließ mit Tim Freihöfer von den Füchsen Berlin einen der besten deutschen Außenspieler außen vor. Stattdessen berief er den erfahrenen Rune Dahmke vom THW Kiel in den Kader, der zwar schon beim letzten Titelgewinn 2016 dabei war, von vielen Beobachtern aktuell aber hinter Freihöfer gesehen wurde. Die Entscheidung wurde vielerorts mit Stirnrunzeln wahrgenommen, allen voran bei Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Der warf Gíslason prompt vor, das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt zu haben.

Der Bundestrainer gab sich zwar betont gelassen und wischte die Kritik weg, dennoch erhöhte er den Druck auf sich selbst. Sollte das Turnier für ihn und seine Mannschaft frühzeitig enden, dürften ihm derartige Entscheidungen, schwere Auslosung hin oder her, umso mehr vorgehalten werden und seine Zukunft beim DHB gefährden.

Eine Jobgarantie hat Gíslason trotz eines gültigen Vertrags bis nach der Heim-WM 2027 nämlich nicht mehr. DHB-Präsident Andreas Michelmann schloss für den Fall einer erneuten Enttäuschung bei der EM eine vorzeitige Trennung von Gíslason nicht mehr aus. „Es ist doch klar, dass wir darüber nachdenken würden, wenn die Mannschaft – wovon ich nicht ausgehe – bei der EM absolut nicht performt“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Nach jedem Turnier der Männer und Frauen berichten die Bundestrainer an die DHB-Führung. Auf Basis dieser Bilanzen und Analysen werden dann entsprechende Schlüsse gezogen“, so Michelmann weiter.

Das bedingungslose Vertrauen, dass Gíslason mit der DHB-Auswahl auch den letzten Schritt zu einem Titel gehen kann, scheint also geschwunden zu sein. Der Bundestrainer reagierte darauf betont gelassen. Druck verspüre er nur „den, den ich mir selbst mache. Druck von außen spüre ich nicht“, sagte er im Interview mit der „Bild am Sonntag“. „Der (Druck von außen, Anm. d. Red.) interessiert mich auch nicht. Ich bin so lange dabei. Und habe viele Tiefen, aber viel, viel mehr Höhen erlebt. Ich bin einfach dankbar, meine absolute Leidenschaft als Job zu haben, und genieße die Arbeit mit den Jungs.“ Dennoch dürfte Gíslasons Tiefstapelei mit Verweis auf die harte Auslosung strategisch sein, um im Falle eines frühen Scheiterns Argumente für eine Weiterbeschäftigung zu haben.

Aktie.
Die mobile Version verlassen