Bevor wir starten, machen wir unser Testament

Aber sollten wir Europäer uns nicht unabhängiger von solchen Raumfahrtprogrammen machen?

Ja, absolut. Momentan sind wir ein Juniorpartner sowohl im ISS- als auch im Artemis-Programm. Ein Partner auf Augenhöhe ist man nur, wenn man zu solchen Programmen auch kritische Technik oder Wissen beisteuert, ohne die solche Missionen nicht möglich wären.

Wir bauen in Bremen das „Europäische Service Modul“ für den Antrieb der Orion-Raumkapsel, mit denen die Artemis-Astronauten zum Mond fliegen sollen. Reicht das nicht, um Partner auf Augenhöhe zu sein?

Eigentlich könnten die Amerikaner das Modul auch ohne uns bauen, weil sie die Pläne dafür haben. Nur haben sie uns diesen essenziellen Teil überlassen, weil so das Programm stabilisiert werden kann.



Wer die Party bezahlt, der darf auch bestimmen, welche Musik gespielt wird.


Matthias Maurer


Es gab schon zweimal den Versuch von US-Präsidenten, das Nasa-Mondprogramm wieder aufleben zu lassen. Das wurde dann jedes Mal vom darauffolgenden Präsidenten gestoppt. Das ISS-Programm dagegen läuft seit vielen Jahren stabil. Warum? Weil die Nasa dort mit zahlreichen internationalen Partnern Verträge hat, die sich nicht so einfach von einem neuen Staatsoberhaupt stoppen lassen. Und deshalb, so meine Vermutung, wollte die Nasa mit Europa einen starken Partner an ihrer Seite haben, um das Artemis-Programm dadurch zu stabilisieren. So lässt es sich nicht so einfach einstellen.

Aber im Gegenzug machen wir uns abhängig von den USA. Ist das nicht problematisch?

Absolut. Zumal es noch eine weitere Gefahr gibt: Ich habe gelesen, dass Donald Trump bei einem Wahlsieg den SpaceX-Gründer Elon Musk zu seinem Wirtschaftsberater machen könnte. Dann ist es sehr naheliegend, dass Musk seine Starship-Rakete vermutlich als effizienter für eine Reise zum Mond anpreisen wird. In dem Fall könnte schlimmstenfalls die europäische Beteiligung am Artemis-Programm wegbrechen, weil SpaceX unsere Technik nicht braucht.

Matthias Maurer posiert mit den Kosmonauten Anton Shkaplerov, Pyotr Dubrov und Alexander Misurkin (von links nach rechts) auf der ISS. (Quelle: Nasa / SpaceX)

Was sollten wir demnach tun?

Wir müssen in der Raumfahrt selbstständiger werden. Wir müssen alle Fertigkeiten, um Raumfahrt zu machen, in die eigene Hand legen. Ob wir dann auch alles allein machen müssen, sei dahingestellt. Aber wir sollten uns nicht in eine Abhängigkeit begeben, um irgendwann handlungsunfähig zu sein.

Eigene Raketen können wir ja bereits ins All bringen, wie der Start der Ariane 6 im Juli zeigt. Aber von einem bemannten Raketenstart sind wir noch weit entfernt, oder?

In den nächsten zehn Jahren werden wir nicht in der Lage sein, europäische Astronauten unabhängig ins All zu bringen und wieder zu landen. Aber in zehn Jahren wäre es möglich, wenn wir heute starten.

Die Chinesen machen in der Raumfahrt enorme Sprünge. Hat der Westen Angst vor einem neuen Sputnik-Schock, also dass es zu einem Wettkampf der Mächte im All kommt?

In der bemannten Raumfahrt weniger, weil die Chinesen zwar schnell lernen, aber die gleichen Lernschritte durchmachen müssen wie wir. Ein Sputnik-Effekt wäre im Bereich der Spionagesatelliten denkbar. Da gibt es derzeit viel, worüber spekuliert wird. Auch das Abschießen von einzelnen großen Satelliten wäre für Staaten wie Russland und China kein Problem, um zum Beispiel Gegner einzuschüchtern.

Der Westen hat allerdings unzählige Satelliten im All.

Es wird ja befürchtet, dass Russland eine Sonde ins All bringt, die Nuklearexplosionen verursachen kann und so viele Satelliten auf einmal ausschalten könnte. Darum ist es wichtig, zu überlegen, wie wir sicherstellen können, dass unsere Satelliten auch in Krisenzeiten geschützt sind. Spätestens seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine weiß man, dass Satellitentechnik sowohl für Echtzeitinformationen als auch für die Aufklärung kriegsentscheidend sein kann.

Kurz vor der Rückkehr zur Erde verabschiedet sich Matthias Maurer von den Besatzungsmitgliedern der ISS. (Quelle: Nasa / SpaceX)

Als Sie auf der ISS waren, begann unten auf der Erde der Krieg gegen die Ukraine. Es waren auch russische Astronauten mit Ihnen an Bord. Hat das Ihre Zusammenarbeit dort oben verändert?

Wenn man einen Nachbarn mit russischem Pass hat, dann ist das genau das Gleiche. Da steht plötzlich sinnbildlich ein Elefant im Raum, den man ansprechen muss. Und wenn sich dann zeigt, dass der Nachbar genauso wie man selbst gegen Krieg ist und das für keine Lösung hält, dann geht es weiter wie vorher auch. Wir haben auf der ISS seit Jahrzehnten gezeigt, dass wir durch Zusammenarbeit so viel erreichen können. Das hätten wir allein nie geschafft. Meine russischen Kollegen da oben sind nach wie vor meine Freunde und ich habe mich mit ihnen prima verstanden, wir hatten schöne Momente, sowohl vor dem Beginn des Krieges als auch danach.



Wir müssen in der Raumfahrt selbstständiger werden.


Matthias Maurer


Konnten Sie den Krieg optisch von der ISS aus beobachten?

Ja, als der Krieg losging, war die Ukraine von einem Tag auf den anderen wie ausgelöscht. Vorher war das Land hell erleuchtet und plötzlich gab es da nur noch ein schwarzes Loch von oben zu sehen. Und dann schaut man in dieses schwarze Loch und sieht nur noch ein leichtes Flirren von Lichtern, das aussieht wie Feuerwerk an Silvester. Aber man weiß, dass es kein Feuerwerk ist, sondern Zeichen eines Kriegsgebiets. Während der Schlacht um Mariupol haben wir auf der ISS enorm hohe Rauchsäulen gesehen, die bis ins All hochreichten.

Was ging da in Ihnen vor?

Da denkt man unweigerlich, warum müssen wir Kriege führen, wieso sind wir nicht schlauer? Als Astronaut bin ich von Natur aus ein Pazifist. Man kann gar nicht anders, wenn man die verletzliche Erde von oben anschaut.



Vorher war das Land hell erleuchtet und plötzlich gab es da nur noch ein schwarzes Loch von oben zu sehen.


Matthias Maurer


Die ISS verbindet, der Sport auch. Zurzeit läuft die EM 2024. Können die Astronauten auf der ISS die Spiele verfolgen?

Aber sicher. Und das wird auch regelmäßig getan. Besonders Endspiele werden dann live nach oben übertragen. Die amerikanischen Kollegen schauen sich auch gerne mal den Superbowl an.

Selbstverständlich. Wir haben die Bilder sogar eher. Wenn es eine Live-Übertragung von einem Spiel in Südamerika gibt, das nach Europa übertragen wird, dann läuft das über einen Satelliten und da sind wir am nächsten dran.

Womit beschäftigen sich Astronauten in der knappen Freizeit auf der ISS noch?

Noch höher im Kurs als Sportübertragungen stehen da oben Raketenstarts. Die schauen wir uns oben live im Internet an und wenig später sehen wir die Rakete dann von der ISS aus am Horizont. Kurz darauf verfolgt uns die Raumkapsel, die uns nach ein paar Stunden eingeholt hat und andockt.

Mit dieser Raumkapsel flog Matthias Maurer nach seinem sechsmonatigen Aufenthalt auf der ISS zurück zur Erde. Die Aufnahme zeigt das Raumschiff kurz nach dem Abdocken von der ISS. (Quelle: Nasa / SpaceX / Esa)

Haben Sie keine Angst, etwa dass die Rakete, in der Sie sitzen, wie die Challenger 1986 nach dem Start explodiert?

Natürlich habe ich mich mit diesen Bildern von damals beschäftigt, wie jeder Astronaut. Bevor wir starten, machen wir ein Testament. Aber immer mit der Hoffnung, dass wir es nicht brauchen. Ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner Familie und Freunden, die in so einem Fall zurückbleiben würden. Das will man aufgeräumt hinterlassen und vorsorgen, damit beim Abschied keine Fragen offenbleiben. Aber das wird einmal gemacht und damit ist das Thema dann abgehakt. Danach steigt man in die Rakete mit einem Lächeln im Gesicht und kommt dann oben auch mit diesem Lächeln an, weil das alles ein supertolles und spannendes Abenteuer ist.

Seine Erfahrungen im All beschreibt Matthias Maurer in seinem Buch „Cosmic Kiss: Sechs Monate auf der ISS – Eine Liebeserklärung an den Weltraum„. Darin schreibt er nicht nur über die spektakuläre Mission zur ISS, sondern auch, was er in der Zeit dort über die Erde und die Menschheit gelernt hat. Das Buch aus dem Verlag Droemer Knaur hat 432 Seiten und ist seit dem 2. Oktober 2023 für 24 Euro erhältlich.

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