Maßnahmen gegen Putin: Wie wirksam sind Tempolimit & Co.?

Wer jetzt Sprit spart, schadet Putin: Sinkende Energielieferungen könnten Russlands Geldfluss weiter austrocknen. Potenziale gibt es zur Genüge. Aber was bringen sie? Der große Check. 

Kein deutsches Geld für Putins Kriegskasse, weniger Abhängigkeit von russischen Energielieferungen: Deutschland will handeln. Viele Menschen würden auch persönliche Einschnitte hinnehmen, um die Gräuel in der Ukraine so schnell wie möglich zu beenden. Die Diskussionen drehen sich zunehmend auch um befristete Tempolimits und autofreie Sonntage.

Aber bringt das etwas?

“Autofreie Sonntage haben uns in der Vergangenheit nicht geschadet und könnten auch in der heutigen Zeit einen Beitrag leisten, wenn eine entsprechende Verknappung dies erfordert”, sagt die SPD-Energie-Expertin Nina Scheer der “Welt”. “Jede Einsparung senkt die Nachfrage und entlastet damit auch die Märkte.”

Ähnlich sieht es Marion Jungbluth, Verkehrs-Expertin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). “Gemeinsame Sparmaßnahmen wie autofreie Sonntage wären sinnvolle Aktionen”, sagt Jungbluth dem “Handelsblatt”.

Dabei muss es aber nicht bleiben: Die “Palette an Einsparmöglichkeiten” sei groß, die Optionen seien verhältnismäßig einfach zu realisieren, sagt Scheer.

Was sind das für Optionen? Wie wirksam sind sie?

Die Umweltorganisation Greenpeace nennt zehn schnelle und mittelfristige Maßnahmen – und zeigt auch deren Einsparpotenziale.

Tempolimits

Allein ein befristetes Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen würde zwei Millionen Tonnen Sprit pro Jahr einsparen. Das sind mehr als zwei Prozent unserer Mineralölimporte. Ein Limit von 80 km/h außerorts würde weitere 400.000 Tonnen Sprit jährlich sparen (0,4 Prozent der Mineralölimporte).

Nebeneffekte: besserer Verkehrsfluss, glimpflichere Unfallausgänge und entsprechend geringere Folgekosten, 7,5 Millionen Tonnen weniger CO2.

Autofreie Sonntage

Autofreier Sonntag: Zuletzt eher ein Aktionstag (hier 2011 in NRW), könnte er zum wirtschaftlichen Druckmittel werden. (Quelle: Teutopress/imago images)

Die Idee ist nicht neu: Schon im Jahr 1973 kam es nach einem Ölboykott arabischer Staaten zu vier autofreien Sonntagen (mit Ausnahmen für Polizei, Retter, Ärzte, Taxen, Busse und bestimmte Lieferanten). Später entstanden in vielen Ländern Aktionstage, an denen Straßen, Autobahnen und komplette Innenstädte den Fußgängern, Radlern und Wanderern überlassen bleiben.

Der Effekt in Zahlen: Schon zwei autofreie Sonntage pro Monat würden jährlich 1,3 Millionen Tonnen Sprit einsparen (1,4 Prozent der Mineralölimporte).

Teil-Verzicht aufs Auto

Nicht jede Autofahrt ist unbedingt nötig. Aber auch nicht jede freiwillige Fahrt sollte und will man sich verkneifen. Das sieht auch Greenpeace ein. Die Organisation nennt deshalb ein Rechenbeispiel: Wenn wir nur jede vierte Freizeit-Fahrt von mindestens 20 Kilometern streichen, lassen sich weitere 1,2 Millionen Tonnen Sprit pro Jahr einsparen (1,2 Prozent der Mineralölimporte).

Heizung herunterdrehen

Ein weiterer Pullover, eine zweite Decke: Wenn wir alle weniger heizen, wäre der Ukraine sehr geholfen. So heißt es häufig. Und so ist es auch. Schon ein Grad weniger in der Wohnung spart sechs Prozent Heizöl. Aufs ganze Land bezogen bedeutet das: Ein Grad weniger ergeben etwa 500.000 Tonnen gespartes Heizöl, zwei Grad weniger ergeben etwa 1,1 Millionen Tonnen (0,5 bzw. 1,1 Prozent der Mineralölimporte).

Homeoffice

Die derzeit noch geltende Homeoffice-Pflicht könnte regulatorisch verlängert werden. Das würde viel “erzwungene Mobilität” verhindern, so Greenpeace – Wege also, die sich nicht verhindern lassen. Und die häufig per Auto gefahren würden; etwa, weil die Strecke so lang sei oder weil es an Alternativen fehle.

Greenpeace sagt: Würden 40 Prozent der Arbeitenden auch nur an zwei zusätzlichen Werktagen im Homeoffice bleiben, wären jährlich 1,6 Millionen Tonnen Sprit gespart (1,7 Prozent der Mineralölimporte).

Inlandsflüge

Bahn statt Flieger: Auch das hilft nicht nur der Umwelt, sondern senkt ebenfalls die Abhängigkeit von russischen Energieimporten. Gerade auf der Kurzstrecke ist eine Bahnfahrt deutlich effizienter als das Flugzeug, da es beim Start besonders viel Kerosin verbraucht und kurz darauf bereits wieder landet.

Für Inlandsflüge werden laut Umweltbundesamt jährlich 400.000 Tonnen Kerosin verbraucht (0,5 Prozent der Mineralölimporte).

Güterverkehr

Mehr Güter auf die Schiene – oder wenigstens so viele wie früher: Im Jahr 2017 schaffte Deutschland mit mehr als 130 Milliarden Tonnenkilometern (tkm, Maßeinheit im Güterverkehr, Produkt aus transportierter Masse und zurückgelegten Kilometern) den bisherigen Bestwert im Schienengüterverkehr. 2020 lagen wir zehn Prozent darunter. Die Rückkehr zum Spitzenwert und eine entsprechende Abnahme des Straßengüterverkehrs würden 400.000 Tonnen Sprit pro Jahr einsparen (0,4 Prozent der Mineralölimporte).

Zurück zu mehr ÖPNV

In der Corona-Pandemie wurde der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) stark zurückgefahren. Ein Zurück zur alten Leistung und der Umstieg weiterer Fahrgäste vom Auto auf Bus und Bahn ließe 900.000 Tonnen Sprit pro Jahr einsparen (ein Prozent der Mineralölimporte).

Radfahren

Vorbild Niederlande: Strecken bis fünf Kilometer fährt man dort doppelt bis dreimal so häufig wie bei uns mit dem Rad, Wege zwischen fünf und 20 Kilometern sogar viermal so häufig.

Wenn wir das auch schaffen, könnte Deutschland hier 1,5 Millionen Tonnen Sprit einsparen (1,6 Prozent der Mineralölimporte).

Wärmepumpen

Die Ukraine-Krise lässt auch Hausbesitzer nachdenken: Was kann der schnelle Einbau einer Wärmepumpe bringen? Diese Anlagen heizen sehr effizient mit Strom anstatt fossiler Brennstoffe. Zwar hat nicht jeder das nötige Geld zur Hand, die Pumpe eignet sich nicht für jedes Haus. Dennoch sieht Greenpeace großes Potenzial: Würden in diesem Jahr 500.000 Wärmepumpen verbaut und entsprechend Gas- und Ölheizungen ersetzt bzw. verhindert, dann wären 300.000 Tonnen Heizöl gespart (0,3 Prozent der Mineralölimporte).

Die einzelnen Einsparpotenziale einfach zu addieren – das klappt allerdings nicht. Denn so manche Wirkung überschneidet sich. Dennoch: In ihrer Gesamtwirkung könnten die Maßnahmen unsere Importe um mindestens zehn bis zwölf Prozent verringern – und teilweise bringen sie weitere positive Effekte mit sich.

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