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Montag, Mai 23, 2022

Luxus pur im Bentley S1 Flying Spur

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Beverly Hills/Crewe (dpa/tmn) – “Ein Bentley, wie er im Buche steht” – als der britische Luxushersteller 1955 seinen Standard Steel Saloon vorgestellt hat, waren Kritiker wie Archie Vicar vom “Motorist’s Compendium and Driver’s Almanack” wieder versöhnt.

Denn nachdem die Ingenieure mit dem R-Type ein zumindest für Vicar vergleichsweise enttäuschendes Auto abgeliefert hatten, brachte die S1 genannte Limousine die Welt der Hautevolee wieder in Ordnung.

Mindestens 3295 Britische Pfund waren dafür erforderlich – damals mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Jahresverdienstes auf der Insel. Doch selbst der beste Bentley war manchen Besserverdienern noch nicht gut genug. Oder zumindest zu gewöhnlich.

Daher kauften viele Kunden ihren S1 so, wie es bis vor dem Krieg noch bei jedem Bentley der Fall war, zitiert Pressesprecher Wayne Bruce aus den Archiven: als nacktes Fahrgestell. Denn auch wenn die Briten seit 1946 selbst Karosserien entworfen und gebaut haben, wollten diese Kunden an der Tradition des Coachbuilding festhalten. Kein Auto von der Stange sollte vor ihrem Schloss oder Stadthaus parken.

Schniekes Alublechkleid und doppelter Preis

Besonders hoch im Kurs stand damals offenbar der Karosseriebauer H.J. Mulliner, der die ohnehin schon elegante Limousine mit einer neuen Aluminium-Karosserie noch etwas sportlicher eingekleidete.

Zwar verdoppelte sich der Preis dadurch und es standen schnell mal 8000 Pfund auf der Rechnung, berichtet Bruce. Doch zu den 2972 Standard Steel Saloons, die vom S1 zwischen 1955 und 1959 in Crewe gebaut wurden, kommen deshalb noch einmal 217 mit der schnittigen Mulliner-Karosse. Deren Name hat den Oldtimer lange überlebt. Denn inspiriert von seinem Familienwappen, hat Mulliner-Chef Arthur Talbot Johnstone die Limousine damals auf den Namen Flying Spur getauft – Bentley hat das nie vergessen.

Bei Bentley fliegt der Sporn bis heute

Denn als die Briten im Bieterstreit zwischen VW und BMW von ihrer Schwestermarke Rolls-Royce getrennt wurden und eigenständige Autos entwickeln mussten, gruben sie den Namen 2005 für ihre neue Limousine wieder aus – und haben ihn bereits in dritter Generation übernommen.

Probleme mit den Namensrechten hatten die Briten dabei nicht zu befürchten. Denn 1959 verleibte sich Bentley den Karosseriebauer ein und überlässt ihm heute die exklusiven Extrawürste bei Ausstattung und Lackierung. Auch die jüngste Auflage des Viertürers schwebt wieder als Flying Spur durch die höchsten Sphären des Automarktes – und nun auch als Plug-in-Hybrid rund 50 Kilometer rein elektrisch.

Doch als bei dessen Premiere in Beverley Hills die Mechaniker aus dem Museumsfuhrpark der Briten das alte Original daneben stellen, verliert das aktuelle Modell alle Anziehungskraft. Majestätisch schiebt das schwarze Schmuckstück seinen langen Bug ins Bild und fängt mit seinem mächtigen Kühler alle Blicke.

Dann öffnen sich die erschreckend kleinen Türen und geben den Blick frei in einen Salon wie aus dem Museum. Dickes, aber von den Jahren etwas brüchig gewordenes Leder lockt in tiefe Sessel. Tiefe Teppiche schlucken den Schall und die Augen wandern über ein Cockpit, das man noch mit Fug und Recht als Armaturenbrett bezeichnen darf. Die funkelnden Uhren der Instrumente sind tatsächlich in massivem Holz eingelassen. Nur dass aus dem antiquierten Radio tatsächlich die aktuellen Charts plärren will so recht nicht passen.

Doch dann fallen satt die Türen ins Schloss wie bei einem Tresor in der Bank von England. Ganz gediegen setzt sich die Limousine mit ihrer samtig schaltenden Automatik in Bewegung und fädelt sich wie in Zeitlupe ein in den dichten Verkehr auf dem Santa Monica Boulevard. Während die anderen Autofahrer ehrfürchtig Abstand halten, dreht die innere Uhr mit jeder Sekunde ein paar Jahre zurück.

Sechs Zylinder – gestern wie heute

Treibende Kraft dabei ist ein Motor, der aktueller ist denn je. Denn unter der Haube steckt ein Sechszylinder. Nach zweieinhalb Generationen V8- und W12-Motoren kommt so einer nun auch im modernen Flying Spur wieder zum Einsatz. Allerdings haben die beiden Aggregate nicht viel mehr als die Zahl der Zylinder gemein.

Wo heute 2,9 Liter Hubraum reichen, mussten es damals 4,8 Liter sein. Wo beim modernen Luxusliner ein E-Motor für souveräne Stille beim Bummel über den Hollywood Boulevard oder den Rodeo Drive sorgt, musste damals die Reihenanordnung der Zylinder die nötige Laufruhe garantieren. Und statt mit heute 306 kW/416 PS aus dem V6 oder gar einer Systemleistung von 400 kW/544 PS im Hybrid, bescheidet sich der alte Bentley mit gerade mal 132 kW/180 PS.

Von den 285 km/h der aktuellen Limousine kann man deshalb am Steuer des Oldtimers nur träumen. Aber selbst heute ist sie noch gut unterwegs und schwimmt locker im Verkehr mit. Erst recht, weil sogar auf dem Pacific Coast Highway niemand schneller als 100 Sachen fährt. Schließlich haben die Cops ihre Radarpistolen hier in Kalifornien locker sitzen.

Aber wer damals Vollgas gab, fuhr den meisten anderen Limousinen locker davon. Mit höherer Kompression und anderer Übersetzung erreichte der Flying Spur von 1958 bereits über 160 km/h, erzählt der begleitende Mechaniker.

Bentley mag mal im Schatten von Rolls-Royce gestanden haben. Doch Oldtimer der beiden Marken liegen bei ähnlichen Zustand längst gleichauf, so der Experte. Für den ersten Flying Spur rechnet er sogar mit einem gewaltigen Zuschlag. Wo es einen gewöhnlichen S1 heute ab 50.000 Euro gibt, muss man für einen Flying Spur laut Wilke mit 250.000 Euro rechnen.

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