Ich verstehe diese Sehnsucht, aber ich fürchte, sie ist eine Art Wunschtraum. Sport und Politik lassen sich kaum sauber voneinander trennen. Gerade nicht bei einer Fußball-WM in den USA unter Donald Trump, der Sport ja selbst so als politische Bühne nutzt.
Steht uns deshalb die politisch vielleicht brisanteste WM bevor, die wir je erlebt haben?
Zumindest findet sie in einer außergewöhnlichen Konstellation statt. Wir haben drei Gastgeberländer – und gleichzeitig einen amerikanischen Präsidenten, der Kanada regelmäßig provoziert und Mexiko beschimpft. Allein das spricht schon Bände.
Ich wäre zunächst auch mit einem Band zufrieden: Was genau folgt für Sie aus dieser Konstellation?
Dass eine Frage zunächst mal über allem steht: Wie soll so ein friedlich-fröhliches Fußballfest möglich werden, mit Gastgebern auf Augenhöhe, bei dem der Sport im Mittelpunkt stehen kann?
Bei Donald Trump scheint nichts mehr undenkbar: Befürchten Sie, dass er Einfluss nehmen wird – etwa, wenn die USA sportlich unter die Räder kommen?
Der amerikanische Präsident ist unberechenbar, aber ich denke, so weit wird es nicht kommen, allein schon, weil ich die sportlichen Chancen der USA gar nicht so schlecht sehe. Und wenn das US-Team unter die Räder kommt und keine Euphorie im Land entfacht, dann wird sich Trump auch schnell wieder von dieser Bühne verabschieden. Er will sich ja immer nur mit dem Gewinner-Image umgeben.
Donald Trump ist allerdings längst nicht das einzige Problem mit Blick auf die Lage in den USA. Was besorgt Sie aktuell am meisten?
Die extreme Polarisierung in den USA. Die Gesellschaft ist heute viel stärker gespalten als früher. Kompromiss ist dort inzwischen fast ein Schimpfwort geworden. Politik funktioniert oft nur noch über Konfrontation. Und Social Media wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger.
Sie kennen die USA seit Jahrzehnten, haben Familie dort. Wie anders fühlt sich Amerika heute für Sie an als bei der WM 1994, als Sie dort studiert haben?
Sehr anders. Die Zeit der WM 1994 war aus westlicher Perspektive eine Zeit des Aufbruchs. Der Kalte Krieg war vorbei, viele glaubten damals: Die liberale Demokratie hat sich durchgesetzt, jetzt beginnt eine offenere, stabilere Weltordnung.
Ein himmelweiter Unterschied. Wir erleben ein deutlich nervöseres, aggressiveres Klima. 9/11, die Kriege danach, die Finanzkrise, die politische Radikalisierung – all das hat das Land verändert.
Hat Amerika aus Ihrer Sicht auch einen Teil seines Optimismus verloren?
Ja, ich glaube schon. Der „American Dream“ war kaum mehr als ein Mythos. Für viele Menschen war er nie wirklich erreichbar. Aber es gab zumindest lange dieses Gefühl: Wenn ich mich anstrenge, wird es meinen Kindern einmal besser gehen. Dieses Vertrauen ist bei vielen verloren gegangen.
