Seltener Eingriff
Spezialoperation an der MHH: Kind erhält zweites Hirnstammimplantat
09.07.2026 – 18:04 UhrLesedauer: 2 Min.
Ohne Hörnerven geboren, kann ein Kleinkind Geräusche nicht auf normalem Weg wahrnehmen. An der Medizinischen Hochschule Hannover erhielt das Kind nun eine besondere Operation.
An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat ein zweijähriges Mädchen ein zweites Hirnstammimplantat erhalten. Das Kind trägt damit auf beiden Seiten ein solches Implantat – eine Versorgung, die weltweit selbst bei Erwachsenen kaum vorkommt. Das geht aus einer Mitteilung der MHH hervor.
Das Mädchen kam ohne Hörnerven zur Welt. Bei einer sogenannten beidseitigen Hörnervenaplasie fehlt die Verbindung, über die Schall normalerweise ans Gehirn weitergeleitet wird. Cochlea-Implantate, die auf einen funktionierenden Hörnerv angewiesen sind, scheiden in solchen Fällen aus.
HNO-Klinikdirektorin Prof. Dr. Anke Leichtle erklärt: „Für diese Kinder stellt ein ABI häufig die einzige Chance dar, Höreindrücke wahrzunehmen und Sprache zu entwickeln.“ ABI steht für Auditory Brainstem Implant, also ein Implantat, das direkt am Hirnstamm ansetzt.
Mädchen erhält ABI auf zweiter Seite
Gut ein Jahr vor der aktuellen Operation hatte das Mädchen an der MHH bereits sein erstes solches Implantat erhalten. Damit lernte es erste Wörter sprechen, darunter Namen aus der Familie. Mit der nun versorgten zweiten Seite sollen sich die Voraussetzungen für räumliches Hören und eine differenziertere Verarbeitung von Geräuschen und Stimmen verbessern – ähnlich wie beim natürlichen Hören oder bei einer beidseitigen Cochlea-Implantat-Versorgung.
„Der Eingriff zählt zu den anspruchsvollsten Operationen der modernen Hörrehabilitation“, heißt es von der MHH. Hirnstammimplantate werden weltweit nur an wenigen spezialisierten Zentren eingesetzt. Die beidseitige Versorgung bei einem so jungen Kind ist laut MHH selbst im internationalen Vergleich außergewöhnlich.
Kind zeigt erste Reaktionen, die auf ein Hören hindeuten könnten
Bereits zwei Tage nach der Operation wurde das Implantat erstmals aktiviert. Bei diesem sogenannten Probeton zeigte das Mädchen erste Reaktionen, die auf Hörwahrnehmungen hindeuten könnten. Endgültige Aussagen lassen diese frühen Signale noch nicht zu. In den kommenden Tagen folgt die Erstanpassung des Implantats, an die sich weitere Termine, Einstellungen sowie intensive Hör- und Sprachtherapie anschließen.
Prof. Dr. Thomas Lenarz von der MHH sagt: „Die Versorgung von Kindern mit Hirnstammimplantaten erfordert nicht nur höchste chirurgische Expertise, sondern auch eine langfristige interdisziplinäre Begleitung. Umso erfreulicher ist es, wenn wir die Entwicklung eines Kindes über mehrere Jahre begleiten und nun diesen wichtigen nächsten Schritt ermöglichen können.“
